In den Nachkriegsjahren ging es ums Erwachsenwerden und darum, sich einen Platz im Arbeitsleben zu sichern. Unsere Stiefmutter sagte immer: "Wenn ihr zu was kommen wollt, müsst ihr arbeiten. Mädels, in der Schule verdient man kein Geld." Es war nun endlich Friede. Wir Deutschen hatten viel verloren. Nicht nur unser Hab und Gut, sondern auch Lebensfreude, Mut und Zeit zum Werden. Die Jahre der Angst und Entbehrung konnte man nicht so schnell abschütteln.

Die Dorfschule wurde wieder geöffnet. Es gab einen alten Oberlehrer, der "gedient hatte", wie er uns täglich mitteilte, und der in militärischer Manier uns Schüler mit strikter Disziplin auf das neue Deutschland vorbereiten wollte. Er war tief vom Dritten Reich geprägt. Wenn er das Klassenzimmer betrat, mussten wir auf Kommando von den Bänken aufspringen und strammstehen. Im Chor wurde er begrüßt. Der Auftakt zum Unterricht war jeden Morgen ein deutsches Volkslied. Er hielt einen geschnitzten, langen Stock, mit dem er den Takt auf dem alten Holzfußboden des Klassenzimmers grob angab. Meine kleinen abwesenden Blicke aus dem Klassenfenster wurden mit einem schmerzhaften Ziehen an meinen Zöpfen von ihm bestraft. Tadel und Erniedrigungen sollten uns zu größeren Leistungen anspornen und uns zu starken Bürgern machen.

An einen dieser furchtbaren Schultage kann ich mich noch genau erinnern. Der Oberlehrer war an diesem Morgen ganz besonders schlecht gelaunt. Er holte eine alte Geige aus einem verblichenen Geigenkasten hervor, und stimmte das Instrument einige Minuten. Wir standen steif und regungslos neben unseren Sitzplätzen. Nun ein lautes "Eins, zwei, drei"...Wir wurden angewiesen, "Hoch auf dem gelben Wagen" zu singen. Mitten im Lied verklang die Geige. Der Lehrer hob den Geigenbogen, als Zeichen, das Singen einzustellen. Er brüllte in die Klasse hinein: "Hört auf, faule Bande. Wer wagt es, hier nicht mitzusingen?"

Ein blasser, dünner Junge

Er ging langsam zu einem der Jungen in der ersten Reihe. Lothar war ein blasser, großer, sehr dünner Junge mit hellblonden Haaren und wässrigen, blauen Augen. Da stand er mit vorgebeugten Schultern, den Blick nach unten. Der Lehrer trat nahe an ihn heran und begann wieder zu brüllen: "Schultern raus, du Sandsack. Steht so ein deutscher Junge da? Und lass dir die Haare schneiden, sonst nehm ich die Schere. Mensch, reiß dich zusammen. Blick nach vorne und nun sing mir zwei Strophen vom Lied, aber laut und marschiere im Stand mit." Lothar sagte ganz leise: "Ich fühle mich nicht gut, Herr Oberlehrer." Der Lehrer sprang daraufhin wieder näher zu ihm und schrie: "Ich sagte: Marschiere und sing! Ist das klar?"

Lothar blieb wie angewurzelt stehen und blickte weiterhin nach unten. Da schmiss der Lehrer die Geige beiseite und schlug dem Lothar ins Gesicht. Sein Kopf knallte zur Seite. Ich schloss die Augen. Mir wurde übel. Ich hielt mich an meinem Schreibpult fest. In meiner kindlichen Fantasie sah ich den Kopf von meinem Mitschüler wie einen Ball von den Schultern geschlagen auf dem Boden aufspringen. Ich hob ihn liebevoll auf und setzte den Kopf wieder auf seine Schultern.

Aber für Fantasien war keine Zeit. Ich öffnete meine Augen, und der Oberlehrer stand vor mir. "Hier wird sich nicht vor der Realität gedrückt. Augen auf." Ich zuckte zusammen.

"Lothar, pack deine Sachen und verschwinde. Ich kann dich nicht mehr ertragen. Warte nur, bis ich deinen Vater spreche ..." Am nächsten Schultag blieb der Sitzplatz von Lothar leer. Am darauffolgenden Tag wurde uns während des allmorgendlichen Strammstehens mitgeteilt, dass Lothar am Vortag verstorben sei. Er hatte Leukämie. Der Oberlehrer nahm einen Gedichtband aus dem Regal, schloss ihn dann aber wieder und zitierte, wohl von Goethe: "Es schlug mein Herz wild wie ein Held zur Schlacht. Der Abend wiege schon die Erde und an den Bergen hing die Nacht.

Die Winde schlugen leise Flügel

... Abschied!"

Es war dann unheimlich still im Klassenzimmer für ein paar Minuten, und dann dröhnte des Oberlehrers Stimme: "Eins, zwei, drei ... Hoch auf dem Gelben Wagen."

Mein letztes Schuljahr war nun bald vorüber. Ich wäre gerne noch auf eine höhere Schule gegangen. Aber davon war keine Rede. Also fand ich mich damit ab, eine Lehre als Friseuse im Nachbarort anzutreten. Aber als Lehrling verdient man auch da nicht genug, und so kam es, dass ich als Trümmerfrau im ausgebombten Berlin eine Stelle annehmen musste. Eine gnadenlos harte Arbeit in Wind und Wetter, und dann eines Tages ein grausamer Fund ... Aber das ist eine andere Geschichte, die ich das nächste Mal erzählen werde.