Wort zum Sonntag für 30. Januar

G ott sei dank bricht Kirche auf und öffnet sich. Das ist notwendig und befreiend. Wie in jeder Familie und Gemeinschaft.

Auch Amtsträger zeigen (endlich) öffentlich, dass sie "nur" Menschen sind. Die Verwechslung, dass Kirche als Gemeinschaft von Menschen Gott gleich sei, war schon immer ein Problem für die Vermittlung der guten Nachricht Jesu. Kirche, und damit jede Christin und jeder Christ, vermittelt die Botschaft Jesu vom Reich Gottes der Liebe mitten unter uns Menschen.

Das Bewusstsein "Wie Gott uns schuf" muss sich weiter in unseren Tagen entwickeln. Ein "churchout" bedeutet im pastoralen Sinn auch: Kirche bricht auf in die Welt, in das Leben jeder Person, die sich als von Gott geliebt erfahren soll. Als Seelsorger bin ich zutiefst dankbar und ermutigt von diesem Lebens- und Glaubenszeugnis der Kolleginnen und Kollegen unserer Tage, die sich zum Beispiel auch als Mitarbeiterin oder Mitarbeiter zu ihrer Homosexualität bekennen.

In dieser Zeit der Abbrüche, Umbrüche und Aufbrüche wurden in den vergangenen Wochen und Monaten auch im Landkreis Bad Kissingen die fünf neuen "pastoralen Räume" als organisatorische "Kirchengestalt" für die Seelsorge offiziell errichtet. Generalvikar Dr. Vorndran sprach hier immer wieder von einem historischen Akt. Ein neues Kapitel in der Kirchengeschichte, welches aufhorchen lässt und Räume öffnen will für Neues - eine epochale Zeitenwende der katholischen Kirche!

Kirche ist berufen, an den innersten Grund zu gehen, nicht "im Äußerlichen" zu verharren, sondern in "sich zu gehen", sich zu be-sinnen.

Doch wie kann das gehen? Jedenfalls nicht nur im so genannten "Großen", im "Mächtigen". Christus zeigt sich auch im kleinen und unscheinbaren, in der "Mikroebene" des Lebens. Gott als Liebende/r sehnt sich nach der Lebendigkeit des Menschen in Wahrheit, Freiheit und ohne Angst. Augustinus sagt: "Die Sehnsucht Gottes ist der lebendige Mensch." Gott will in uns selbst wahrgenommen werden als "Ich bin der ich bin da!" Kardinal Schönborn sagte einmal "Wir brauchen weniger Kirche und mehr Christus!" Ich würde als Seelsorger sagen, das Jesus der Coach der Entängstigung in uns ist und sich einlädt zur Begegnung.

Kirche geht und nimmt auch neue Gestalt an, zum Beispiel in der Familie, im Seelsorgegespräch, lebensnaher Liturgie, der Hausgemeinde, bei der Tafel, dem Dienst der Beerdigungsinstitute, der Flüchtlingsarbeit und Suchtberatung. Auch im Hospizdienst, in Schulen und Kindertagesstätten, in der Pflege und Altenheimen, in Krankenhäusern, in den Diensten der Caritas und Diakonie und vieles mehr.

Wenn Aufbruch und Kirchenentwicklung, dann aber wie und wo und mit wem? Als Ehe- und Familien-Seelsorger sehe ich auch "die eigenen vier Wände", also "Herz und Haus" als einen angemessenen Ort, um der neuen Kirchengestalt, der Gegenwart Gottes auch neu Raum und Platz zu schaffen: Bauen Sie sich Ihren Hausaltar, ihr "Fanum", ihren heiligen Ort zuhause. Nehmen sie ihre Bibel, den Liebesbrief Gottes, aus dem Schrank oder kaufen sie sich eine, stellen sie eine (Hochzeits-/Tauf-) Kerze dazu und vielleicht noch ein Kreuz oder andere religiös-christliche Symbole. Auch ein Sterbebildchen von ihren Liebsten kann hier einen Ort finden, und - hören sie auf Gottes Wort und beten sie in Gemeinschaft.

Bernd Keller M.A.,

Ehe- und Familienseelsorger

im Dekanat Bad Kissingen