von unserem Redaktionsmitglied 
Maximilian Glas

Weismain — Mit ihren 20 Jahren gehört Johanna Kuhn aus Bad Rodach zu der Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist. Auch bei ihrem Ausbildungsbetrieb, dem Baur-Versand aus Burgkunstadt, definiert sich ihr Aufgabengebiet zum größten Teil durch Online-Inhalte. Der schulische Lehrplan in ihrer Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau ist dagegen noch sehr klassisch gehalten. "Basiswissen im Logistikbereich ist ganz nett, aber hilft mir im Berufsalltag gar nicht weiter", erklärt die Auszubildende. Einen Beruf ohne Bezug zum Online-Handel könne sie sich gar nicht mehr vorstellen. Und damit ist die 20-Jährige bei Baur längst nicht alleine.
Das gleiche Problem hat auch die Mehrheit der anderen 100 Auszubildenden im Unternehmen, deren primäres Aufgabengebiet der Handelsbereich im Internet ist. Obwohl der Bedarf für eine individuelle Ausbildung also bereits seit Jahren besteht, gibt es - Stand heute - noch keinen geeigneten Ausbildungsberuf. Dies soll sich möglichst zügig ändern. "Ziel ist es den Einzelhandelskaufmann erheblich zu ergänzen oder gleich ein komplett neues Berufsbild zu schaffen", sagt Bernd Rehorz von der IHK für Oberfranken Bayreuth.

Ideen werden konkreter

Schon kurz nach der großen Umstrukturierung von Baur im Jahr 2006, stand eine derartige Ausbildung zum ersten Mal auf der Agenda. Damals wurde das Leitmedium Katalog durch den Online-Shop ersetzt. "Das war eine mutige Entscheidung, die das Unternehmen aber in einer schwierigen Phase auf den richtigen Weg gebracht hat", erklärt Baur-Sprecher Manfred Gawlas. Heute definiere sich Baur als reines Online-Unternehmen und möchte die dazugehörigen Themen in allen Abteilungen und in der Ausbildung vorantreiben. Federführend für diese Initiative ist Ausbildungsleiter Max-Josef Weismeier.
Nachdem seine Vorschläge und Anregungen für eine neue Online-Ausbildung von den zuständigen Verbänden lange Zeit skeptisch beäugt wurden, ist nach vielen hartnäckigen Versuchen mittlerweile ein Sinneswandel zu beobachten. "Wir sind auf einem guten Weg, dass uns die Verbände unterstützen", sagt Max-Josef Weismeier. "Der Stein rollt und den hält jetzt auch keiner mehr auf."
Die Vorarbeiten zu einer Ausbildungsordnung für das Berufsbild der "Online-Kaufleute" sind bereits im Gange. Der kleine Haken: Aktuell gibt es zwei Handelsverbände, die in zwei unterschiedlichen Arbeitskreisen ihre Vorschläge ausarbeiten. Gawlas: "Das ist Politik." Weismeier tagt als Experte in beiden Verbänden mit und betont, dass es zwischen den Modellen des Handelsverbands Deutschland (HDE) und des Bundesverbands E-Commerce und Versandhandel (bevh) inhaltlich keine großen Diskrepanzen gebe. Idealerweise sollen die beiden Arbeitskreise in naher Zukunft zu einem zusammengefasst werden. Wenn eine komplette Ausbildungsordnung ausgearbeitet ist, und man sich mit den Gewerkschaften einigt, wird der Vorschlag dem Bundeswirtschaftsministerium unterbreitet. Bis dahin sei aber noch Geduld gefragt, erklärt der Baur-Ausbildungsleiter.
Mit einer endgültigen Durchsetzung der neuen Berufsausbildung rechne er in drei bis vier Jahren. Ende Juni gibt es die nächsten Treffen in den Handelsverbänden, im Herbst sollen erste konkrete Ergebnisse folgen.
Bedenken, dass die geplante Ausbildung noch platzen könnte, hat Max-Josef Weismeier nicht: "Wenn es eine Ausbildung zum Zupfinstrumentenmacher gibt, sollte man auch für den Online-Handel eine Ausbildung hinkriegen." Als traditionelles Ausbildungsunternehmen gehört Baur bundesweit zu den führenden Treibern der Initiative. Marktführer Amazon beispielsweise zeigt weniger Interesse. "Bei Amazon ist die Ausbildungskultur zumindest im kaufmännischen Bereich nicht wirklich etabliert", erklärt Max-Josef Weismeier.
Neben reinen Online-Versandhäusern wie Baur, Otto oder Zalando, machen sich auch Unternehmen des stationären Handels wie Media Markt oder Douglas für das neue Berufsbild stark. "Die Grenzen zwischen Online- und Stationärhandel verwischen immer mehr. Es gibt quasi keine Kette mehr, die nicht auch online verkauft", sagt Unternehmenssprecher Manfred Gawlas. Und der stationäre Handel würde sogar von den Online-Kaufleuten profitieren, merkt Max-Josef Weismeier an. "Verkäufer nutzen ja bereits heute teilweise Tablets für die Kundenberatung", sagt er.
Die Unterschiede bei den Kaufprozessen seien jedoch laut Bernd Rehorz eklatant. Im Internet habe man seinen Showroom weltweit und müsse die Ware anders aufhübschen. "Der Unterschied ist so groß wie zwischen einem Pilotenschein und einem Autoführerschein", sagt er.
Um der Komplexität des Online-Handels gerecht zu werden, empfiehlt Max-Josef Weismeier die Ausbildung in den ersten zwei Jahren in die wichtigsten Online-Themen zu untergliedern. Diese sind unter anderem die Bewirtschaftung eines Online-Shops, das Marketing, der Kundendialog oder die Bezahlvorgänge. Im dritten Jahr sollen die Auszubildenden idealerweise selbst die Möglichkeit haben, eigene Schwerpunkte zu setzen.

Online ist Pflicht in Zukunft

Für die Groß- und Außenhandelskauffrau Johanna Kuhn wird es diese Wahlmöglichkeit nicht mehr geben. Nach ihrer Ausbildung möchte sie etwas Kreatives im Shop-Management machen oder in der Personalentwicklung arbeiten. Einen Beruf ohne den Online-Handel kommt für sie nicht infrage: "Das stelle ich mir schwierig vor. Ich bin mit dem Internet aufgewachsen und ich denke da kommt man heute nicht mehr drumrum."

























































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Max-Josef Weismeier, Ausbildungsleiter Baur Versand
Manfred Gawlas, Sprecher Baur Versand
Johanna Kuhn, 20 Jahre, Bad Rodach, Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau


Nachwuchs  Der stetig wachsende Online-Handel soll bald seinen eigenen Ausbildungsberuf erhalten. Der Baur-Versand um Ausbildungsleiter Max-Josef Weismeier gehört bundesweit zu den wichtigsten Befürwortern dieser Initiative.