VON Cordula Kappner

Westheim — Mina Sündermann war ein außerordentlich schönes Mädchen, mit schwarzen Haaren und schwarzen Augen. Bei einigen christlichen Jungen hieß die Jüdin aus Westheim nur "die Min's". Auch viele Jahre nach ihrem gewaltsamen Tod wurde sie noch so lebendig geschildert, dass sie Gestalt annimmt.
Mina Sündermann war die Tochter und das einzige Kind von Leopold und Rosa Sündermann, geborene Zeilberger. Die Sündermanns waren eine alteingesessene Familie in Westheim, deren Vorfahren schon ab 1807 nachweisbar sind.

Nach den jüdischen Gesetzen

Familie Sündermann wohnte im Haus mit der Nummer 50 in der heutigen Badgasse. Leopold Sündermann war Mehlhändler und handelte außerdem mit Fetten und Ölen. Es war eine nach jüdischer Tradition und den jüdischen Gesetzen lebende Familie. Ihr Onkel Isidor war Vorsteher der Israelitischen Kultusgemeinde in Westheim.
Auch Leopold Sündermann hatte, der jüdischen Tradition entsprechend, einen Mann für seine Tochter Mina vorgesehen und damit auch ihr künftiges Leben für sie ausgesucht. Er wollte sie mit Leo Kahn verheiraten, dem jüdischen Religions-
lehrer, der bis 1931 in Westheim Lehrer für die jüdischen Kinder war. Aber Mina wollte auf keinen Fall den kleinen Leo Kahn heiraten, der zwar äußerst klug war, aber nicht gerade eine Heldenfigur darstellte.
Um sie vielleicht umstimmen zu können und auf andere Gedanken zu bringen und sie auch auf die hausfraulichen Pflichten vorzubereiten, schickten ihre Eltern Mina als Haushaltshilfe in die Schweiz. Ein Freund redete ihr nach ihrer Rückkehr zu, doch Leo Kahn zu heiraten.
Vermutlich waren es die Zeitumstände, die sie bewegt haben, am 3. Juli 1932 (23-jährig) doch den 31-jährigen Leo Kahn zu heiraten. Die Trauung fand in Westheim statt. Trauzeugen waren der jüdische Lehrer Willi Neumann (später Tel Aviv) und ihr Onkel Isidor Sündermann (deportiert am 10. September 1942 nach Theresienstadt, von dort weiterdeportiert und in Minsk ermordet). Als die Freundinnen im Dorf sie später fragten, warum sie Leo Kahn doch geheiratet habe, antwortete sie: "Er holt mir die Sterne vom Himmel herunter." Sicherlich spielte auch die jüdische Tradition, in der sie erzogen worden war und die ihr deutlich sagte, was sie ihren Eltern schuldig war, bei ihrem Schritt eine Rolle.

In Dachau inhaftiert

Mina Sündermann wohnte mit ihrer Familie in Gaukönigshofen, wo ihr Mann ab 1. Dezember 1931 als Lehrer tätig war. Am 20. September 1933 kam die Tochter Hannelore Sofie in Würzburg auf die Welt.
In der Reichspogromnacht am 9. November 1938 (die sogenannte Kristallnacht) wurde Mina Sündermanns Mann verhaftet und im Konzentrationslager Dachau inhaftiert. In einem Schreiben vom 14. Dezember 1938 bat die Israelitische Kultusgemeinde Gaukönigshofen bei der Gestapostelle Würzburg aus zwingenden Gründen um die Freilassung von Leo Kahn. Er wurde daraufhin entlassen. Ab 22. April 1940 war Leo Kahn in Ichenhausen als Lehrer tätig, seine Familie blieb in Gaukönigshofen wohnen. Als die jüdische Volksschule in Ichenhausen am 31. Juli 1941 auf Antrag der Gestapo aufgelöst werden musste, verlor er seine Stelle und wurde arbeitslos. Die Gestapo wies den Landrat von Ochsenfurt und das zuständige Arbeitsamt an, Leo Kahn Arbeit zu vermitteln. Er sollte daraufhin bei Ernte- und bei Straßenkehrarbeiten eingesetzt werden. Am 5. November 1941 teilte der Bürgermeister von Gaukönigshofen dem Landrat mit: "Der Jude Kahn soll zum Vergiften der Mäuse und, sobald es die Witterung erlaubt, zur Reinigung der Straße verwendet werden."
Mina Sündermann wurde immer gewarnt davor, in Deutschland zu bleiben. Ihr wurde empfohlen auszuwandern. Aber ihr Mann wollte nicht gehen, weil er die Gemeinde nicht im Stich lassen wollte. Mina Sündermann wusste also, dass es für sie und ihre Familie lebensgefährlich war, in Deutschland zu bleiben.
Am 24. März 1942 wurden Leo, Mina und Tochter Hannelore Kahn von Gaukönigshofen aus nach Trawniki bei Lublin deportiert. Dort sind sie wahrscheinlich bei einer der Massenerschießungen getötet worden Ihre Eltern Rosa und Leopold Sündermann wurden am 25. April 1942 nach Izbica bei Lublin deportiert und in fahrbaren Gaskammern in Belzec vergast.