Wolfgang Schoberth

Ein Brief, der am Donnerstag einschlug wie eine Bombe. Die großen deutschen Zeitungen ließen sich die historische Sensation nicht entgehen und berichteten groß. Die Süddeutsche etwa füllte ihre Bayernseite mit dem Aufmacher "Der bayerische Putsch".
Worum geht es? Zum 171. Geburtstag des Märchenkönigs präsentierte der ehemaligen CSU-Vize Peter Gauweiler auf Schloss Hohenschwangau einen unbekannten Brief aus Privatbesitz, den Ludwig am 10. Juni 1886 - einen Tag nach seiner Entmündigung durch die bayerische Regierung - an seinen Vetter Prinz Ludwig Ferdinand geschickt hat.
Der Inhalt des Schreibens klingt wie ein verzweifelter Hilferuf. "Denke Dir was Unerhörtes heute geschehen ist!!", schreibt der Märchenkönig ganz verstört. Weiter heißt es in dem Brief: "Diese Nacht kam eilends einer vom Stallgebäude herauf und meldete, es wären mehrere Menschen, darunter ein Minister und einer meiner Hofchargen in aller Stille angekommen und wollten mich zwingen nach Linderhof zu fahren, offenbar um mich dort gefangen zu halten und meine Abdankung zu ertrotzen. Kurz: eine schändliche Verschwörung!"
Das Schreiben widerlegt die von dem damaligen Irrenarzt Dr. Gudden vertretene Annahme, Ludwig sei am Ende seines Lebens geisteskrank gewesen. Deutlich wird, dass der König zu diesem Zeitpunkt die Ankunft der Staatskommission, die nach Neuenschwanstein angereist ist, um ihm seine Entmündigung mitzuteilen, klar erkannt hat.
Er sah in dem Vorgehen einen Staatsstreich, einen Putsch. "Dieser Abschaum von Bosheit, mich nächtlich überfallen und gefangen nehmen zu wollen", so heißt es. Und: "Wie kann eine solche Infamität nur möglich sein!! Absichtlich mit Geld herumgestreute Gerüchte über mich, an denen nicht eine Sylbe wahr ist".
Er fleht seinen Vetter an, dagegen in München anzukämpfen. Er verdächtigt einen Onkel Prinz Luitpold, den späteren Prinzregenten, der auch in Kulmbach sehr verehrt wurde, der Verschwörung.
Der Brief zeigt, dass Ludwig geistig durchaus in der Lage war, die ihm drohende Gefahr zu sehen. Allerdings hat er nicht die Kraft, dagegen zu rebellieren. Zwar lässt er die Regierungskommission, die nach Neuschwanstein angereist ist, in einem operettenreifen Zugriff von Gendarmen, Feuerwehr und seinen Leibdienern verhaften, doch wenig später setzt er die Männer um Außenminister Friedrich Freiherr von Crailsheim wieder frei.
Auch den dringenden Rat einiger Getreuer, nach Tirol zu fliehen, greift er nicht auf. "Um meinetwegen soll kein Blut vergossen werden", erklärt er.
Der jetzt aufgetauchte Brief, der die politische Hellsichtigkeit Ludwigs bezeugt, wird mit Sicherheit dem Streit um seinen mysteriösen Tod drei Tage später im Starnberger See (13. Juni 1886) neue Nahrung geben.