Im Vorfeld ihrer Lesung haben wir uns mit Stefanie Schaller über das menschliche Leid und die Korruption beim Erdbeben in L'Aquila unterhalten.

Können Sie für unsere Leser ein Geheimnis lüften? Sie schreiben Ihren Roman unter dem Pseudonym Sara More. Warum ?
Stefanie Schaller: Weil es ein hochbrisantes Thema ist. Das wurde mir so richtig klar, als mich ein Bekannter aus L'Aquila plötzlich warnte, ich solle aufpassen, was ich ihm per E-Mail schreibe. Außerdem klingt Sara More internationaler.

Am 24. August hat sich ja ein vergleichbares Erdbeben in Amatrice ereignet. Was waren Ihre ersten Reaktionen, als Sie davon hörten?
Ich war bestürzt, tief bewegt und auch traurig. Ich habe es früh um halb fünf im Radio gehört, als ich mir gerade einen Kaffee machen wollte. Sofort hatte ich Bilder aus L'Aquila vor Augen. Beim Schreiben meines Romas habe ich diese furchtbaren Stunden so oft durchlebt, wenn plötzlich das sichere Zuhause zur Todesfalle wird, die Hilflosigkeit, die Verzweiflung, wenn die eigene Familie und engste Freunde unter Trümmer eingeschlossen sind und um Hilfe schreien. Ich habe gebetet, dass es diesmal nicht so schlimm wird, dass die Hilfskräfte viele Verschüttete retten können.

Glauben Sie, dass jetzt, nach der jüngsten Katastrophe in Amatrice, sich die Politik verändern wird?
Ich hoffe es. Der neuen Regierung unter Matteo Renzi traue ich einiges zu, aber es wird trotzdem eine enorme Herausforderung etwas zu verändern, weil viele Mechanismen, wie Korruption, Leichtsinnigkeit und Pfusch am Bau tief verankert sind und das organisierte Verbrechen wie ein Geschwür in der Gesellschaft wuchert.

Dass die Mafia bei vielen Schiebereien in L'Aquila ihre Finger im Spiel hat, legt ja Ihr Roman nahe. Was haben Sie bei Ihren Recherchen Genaues herausgefunden?
Die Mafia hat viele Gesichter. Besonders schockiert hat mich die Skrupellosigkeit: Kurz nach dem fatalen Erdbeben in L'Aquila hat etwa ein Bauunternehmer in einem abgehörten Telefonat gejubelt, dass die Katastrophe ihm Aufträge für die nächsten 20 Jahre beschere. Man muss leider sagen: Ein Erdbeben ist für die Mafia wie ein Jackpot.

Das Gespräch führte Wolfgang Schoberth.