Auf den ersten Blick steht der Mais ordentlich. Der Geländewagen von Werner Strehler, dem Vorsitzenden der Jagdgenossenschaft Weitramsdorf, rumpelt über den Feldweg im nördlichen Gemeindegebiet. Es ist früher Abend und selbst im nachlassenden Licht ist noch ein roter Sprühstreifen am Wegrand zu erkennen, der den Landwirt zum Anhalten veranlasst. Strehler verlässt sein Auto und bahnt sich einen Weg durch die Pflanzen. Nur rund zehn Meter von der Straße entfernt bietet sich ein Bild des Schreckens.

In das Maisfeld ist eine rund fünf Meter breite und 30 Meter lange Schneise geschlagen. Auf dem Boden liegen angebissene Maiskolben. Das ist das Resultat eines Einfalls einer Rotte Wildschweine, die mit ihrer Gier einen immensen Schaden verursacht haben. "Die Situation mit den Wildschweinen ist eine Katastrophe. Dazu kommt noch, dass wir durch die Trockenheit ohnehin beträchtliche Ernteausfälle zu verzeichnen haben", bilanziert Strehler. Dennoch gibt er sich nicht geschlagen, denn in Weitramsdorf hat man den Kampf gegen das Schwarzwild aufgenommen. Dabei sollen die beiden neuen Jagdpächter Mischa Partosch und Markus Stelzner helfen, die seit April ihre Reviere um Weitramsdorf und Weidach übernommen haben.

An diesem Abend ist Partosch in seinem Jagdgebiet zusammen mit Hund Hector am Waldwurzelweg, an der Grenze zwischen Staatswald und dem Gelände der Waldkorporation und dem Kirchenwald anzutreffen. Der 49-jährige Marketingfachmann eines Industriebetriebes hatte bereits vor der offiziellen Übernahme der Jagdpacht im Herbst vergangenen Jahres damit begonnen, den Wildschweinen das Leben im Weitramsdorfer Revier schwer zu machen.

In Schnellbauweise errichtete er 30 Jagdstände, von denen einige beweglich sind, um an möglichst vielen Orten das Schwarzwild bejagen zu können. Doch mit Strehler steht er stolz vor dem Bollwerk der jagdlichen Maßnahmen - der 5,50 Meter hohen "Wurzelwegkanzel". Diese hat ihm Strehler zum Geschenk gemacht. Drei Festmeter Lärchenholz verbaute er dafür in rund 80 Arbeitsstunden. Es entstand ein wetterfester Unterstand, der nur mit Hilfe eines Rückekrans aufgebaut werden konnte. Auf fünf Quadratmetern können es dort bis zu vier Jäger aushalten, es gibt sogar eine Schlafgelegenheit.

Der Ort wurde mit Bedacht ausgewählt, weil sich dort mehrere Wildwechsel kreuzen. Partosch freut sich: "Die ,Wurzelwegkanzel' unterstützt uns im Winter, wenn es kalt wird. Dann werden wir die Jagd mehr in den Wald verlagern. Schweine sind ja auch nachtaktiv, dann braucht man nachts in der Kälte einen Unterstand, in dem man es aushalten und die Tiere bejagen kann."

Das Ergebnis der bisherigen Jagdeinsätze, bei denen Partosch bis zu fünf Jäger unterstützen, kann sich seiner Auffassung nach sehen lassen: Seit April wurden 13 Wildschweine erlegt. "Das ist für die Größe des Areals eine beachtliche Strecke", erklärt er stolz, der über ein Pachtgebiet von 429 Hektar verfügt.

Von der Schweinepest bedroht

Die immensen Bemühungen in Weitramsdorf sind noch unter einem ganz besonderen Licht zu sehen. Denn es hängt eine latente Bedrohung über dem Gebiet: Die Gefahr, die von der Afrikanischen Schweinepest (ASP) ausgeht, die Wildschweine befallen und auf Zuchtschweine übertragen werden kann. Diese naht nämlich schon der deutschen Ostgrenze. Strehler, der selbst auch Schweinezüchter ist, ist alarmiert: "Wir wissen, wie ernst die Lage ist! Sobald die Schweinepest in Deutschland auftritt, sind wir alle betroffen. Es gelten dann ganz harte Maßnahmen. Beim Auftreten hier bei uns würde unsere Gegend zum Sperrgebiet werden, unsere Schweine müssten gekeult werden, die Ställe müssten gesäubert werden und mindestens ein Vierteljahr leer stehen. Dabei stehen wir jetzt schon unter einem immensen Druck. Coronabedingt werden unsere Schweine jetzt schon später als üblich abgeholt. Das bedeutet, dass sie zu schwer sind, was zur Folge hat, dass wir weniger Geld für das Fleisch bekommen. Wenn zu dieser Situation die Schweinepest noch dazukommen sollte, bedeutet das das Aus für viele Landwirte."