Wolfgang Schoberth Man kennt die Winterkerwa von Rugendorf, die als erste Kirchweih im neuen Jahr in der zweiten Januarwoche stattfindet. Doch sonst? Die meisten Kirchweihen finden in den wärmeren Monaten statt, bis in den Herbst hinein.

Die Einweihung der heutigen Bethlehemkirche in der Heimatvertriebenen-Siedlung Mannsflur erfolgt in der dunkelsten und unwirtlichsten Jahreszeit: am zweiten Adventssonntag 1960. Geistlichkeit, geladene Gäste und Besucher müssen auf den schlammigen, noch ungeteerten Wegen stapfen, um zum Gotteshaus zu gelangen.

Die Verspätung der Kirchweih hat ihre Gründe. Vorausgegangen ist ein zehnjähriger Kampf um eine Kirche, der von dem Stammbacher Pfarrer Klaus Diegritz und den evangelischen Christen beharrlich, leidenschaftlich und mit Glaubensernst geführt worden ist.

Landeskirche torpediert den Bau

1955 hat sich durch die Heimatvertriebenen die Zahl der Protestanten im Gebiet der Marktgemeinde Marktleugast auf 350 erhöht. Damit hat sich der katholische Überhang, der bis in den Zweiten Weltkrieg bestand, etwas abgeflacht. Dennoch weigert sich die Landesleitung der evangelisch-lutherischen Kirche immer noch kategorisch, für den Bau einer Kirche in Mannsflur Mittel bereitzustellen.

Den Stammbacher Pfarrer Klaus Diegritz, der auch für die Mannsflur zuständig ist, bringt die Sturheit, gepaart mit einer spürbaren Geringschätzung der Provinz, schier zur Verzweiflung, wie man dem Schriftverkehr, der im Kirchenarchiv von Stammbach lagert, entnehmen kann. Auch vor hanebüchenen Einwänden gegen die Entwürfe des Stadtsteinacher Architekten Emil Schomberg schreckt man in München nicht zurück.

Als man sich nach langem Hickhack auf einen Plan geeinigt hat und der Landeskirchenrat den Bau der Kirche im Januar 1959 zähneknirschend genehmigt, steht das nächste große Problem an: die Finanzierung. Von den veranschlagten 126 000 Mark bewilligt die Kirche nur 70 000.

Kirchenbauverein als Rettung

Man kann sich heute nicht mehr recht vorstellen, wie schwer es war, die Finanzlücke zu schließen. Die Zeit war noch ärmlich, das Einkommen gering. Ein Darlehen musste aufgenommen und Spenden gesammelt werden. Froh war man, aus der US-Stiftung "Wooden Church Crusade" 10 000 Mark zu erhalten. Doch auch danach blieb ein ungedeckter Rest.

In dieser Bedrängnis wird im Mai 1959 ein Kirchenbauverein ins Leben gerufen. 62 Personen werden Mitglied. Sie greifen für "ihre Kirche" tief in die eigene Tasche und sammeln zudem Spenden bei Privatleuten, Vereinen, Behörden und Firmen. Innerhalb von neun Monaten haben sie 15 000 Mark zusammen, sodass die schon begonnene, dann jedoch unterbrochene Bautätigkeit weiterlaufen kann.

Als das Gotteshaus endlich am zweiten Advent eingeweiht wird, ist der Kirchturm noch leer. Im eleganten Campanile, dem Blickfang des Baus, fehlen noch die beiden Bronzeglocken. Erst drei Monate später werden sie geliefert und am Palmsonntag eingeweiht, nachdem der Kirchenbauverein nochmals ausschwärmt und die nötigen 8000 Mark sammelt.

Solidarität und Toleranz

Am Kirchweihtag vor zehn Jahren bekommt die Bethlehemkirche ihren Namen. Unten den Gästen ist auch der Dirigent Enoch von Guttenberg. In seiner Ansprache nennt er Beweggründe seines Vaters Karl Theodor, für die Siedlung 20 Hektar Land zur Verfügung zu stellen: Er wollte den Vertriebenen eine neue Heimat geben und mit der Siedlung Mannsflur ein Modell schaffen für ein gemeinsames Miteinander von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Glaubensgemeinschaften.

Dass den Protestanten in der Mannsflur mit dem so späten Bauabschluss die üblichen Kerwa-Freuden entgehen, haben sie schon immer verschmerzt: An ihrer Stelle findet am Kirchweihsonntag ein Festgottesdienst mit dem Kirchen- und Posaunenchor aus Stammbach statt, der die enge Verbundenheit sichtbar macht. Doch Corona verschont auch das Jubiläum nicht, der Gottesdienst findet unter Auflagen statt (siehe Kasten "So wird gefeiert").