"Das ist aber alles sehr dubios", sagte Richterin Sieglinde Tettmann im Verfahren gegen einen 22-jährigen Arbeiter aus Kulmbach, dem der Diebstahl eines Fahrrads vorgeworfen wurde.

Wenn der Mann am Ende der Verhandlung freigesprochen wurde und sogar der Vertreter der Staatsanwaltschaft einen Freispruch beantragt hatte, dann vor allem deswegen, weil sich der Verdacht einzig und allein auf einen Zeugen stützte, dem keiner so recht über den Weg trauen wollte.

Dieser hatte den Angeklagten ursprünglich des Diebstahls bezichtigt. Im Zeugenstand machte er aber nicht nur einen stark verwirrten Eindruck, sondern plötzlich auch keine Angaben mehr, was wohl damit zusammenhängt, das er sich Anfang April selbst vor Gericht verantworten muss.

Irgendwie hatten aber auch schon die Ermittler ihre Schwierigkeiten mit dem angeblichen Fahrraddiebstahl. Denn die Staatsanwaltschaft hatte, was völlig ungewöhnlich ist, in ihrer Anklage offen gelassen, ob es sich um Diebstahl, Hehlerei oder Unterschlagung handelte.

Tatsache ist, dass eine 55-jährige Kulmbacherin ihr hochwertiges und auch auffälliges orangefarbenes Damenfahrrad vermisste. Sie hatte es im Gemeinschaftskeller ihres Wohnhauses abgestellt, plötzlich war es weg. Also erstattete sie Anzeige gegen unbekannt.

Jungen Mann zur Rede gestellt

Einige Wochen später entdeckte ihr Schwiegersohn das Rad, das in der Nähe der Berufsschule abgestellt war und das damals noch einen Zeitwert von rund 400 Euro hatte. Der 34-Jährige beobachtete die Situation und stellte einen jungen Mann zur Rede, der mit dem Rad wegfahren wollte. Doch der wollte den Drahtesel nicht gestohlen, sondern über ein paar Ecken von einem Bekannten geschenkt bekommen haben. Dieser Bekannte ist der Angeklagte.

"Das stimmt nicht", sagte der Beschuldigte. Er könne sich gar nicht erklären, wie der Zeuge auf so eine Geschichte komme. "Ich kenne das Fahrrad nicht, ich habe es nie vorher gesehen und weiß von der ganzen Sache nichts", sagte er. Den Zeugen kannte er tatsächlich, habe aber nach einem heftigen Streit seit mittlerweile einem Jahr keinen Kontakt mehr. "Vielleicht will er mir eins auswischen", mutmaßte der Angeklagte. Das könnte für die Staatsanwaltschaft Grund genug sein, ein Verfahren wegen falscher Verdächtigung einzuleiten.

Diese Einlassung könne nicht widerlegt werden, sagte der Anklagevertreter. Auch Richterin Tettmann war der Auffassung, dass der Tatnachweis nicht mit ausreichender Sicherheit geführt werden könne, der Angeklagte sei dabei nach dem Grundsatz "In dubio pro reo" ("Im Zweifel für den Angeklagten") freizusprechen. Die Kosten fallen zu Lasten der Staatskasse.

Fest steht, dass das Fahrrad ganz schön ramponiert war, als es die Frau wieder zurückbekam. Wahrscheinlich war es tatsächlich durch mehrere Hände gegangen. Sie musste 125 Euro investieren, um wieder damit fahren zu können.