Wer möchte schon jemanden heiraten, der "Drosselbart" heißt? Auf keinen Fall will das die verwöhnte Prinzessin, die den Bewerber um ihre Hand selbst mit diesem Schmähnamen verunglimpft. Warum sollte man heutzutage überhaupt heiraten, fragt sie sich. Ist das Märchen vom König Drosselbart also in Wahrheit eine Emanzipationsgeschichte?

Es ist sogar mehr als das, denn es erzählt auch von einem Reifeprozess und von sozialer Gerechtigkeit, von dem, was wichtig ist im Leben, und von der eigenen Verantwortung. Ein Coming-of-Age-Stück, das über 200 Jahre auf dem Buckel hat und Fragen stellt, die auch heute noch aktuell sind.

Das Beste daran: Der moralische Zeigefinger bleibt unten. Die pädagogische Wunderwaffe ist der Humor, der dem Ensemble die Gelegenheit bietet, sein geballtes komödiantisches Arsenal aufzufahren.

Die Proben sind weit gediehen, und sie versprechen einen Heidenspaß für Jung und Alt. Regisseurin Stephanie Kuhlmann feierte im letzten Jahr erfolgreich ihren Einstand bei den Rosenbergfestspielen mit dem Räuber Hotzenplotz und auch heuer inszeniert sie wieder ein Kinderstück mit einer männlichen Figur im Titel. Die wahre Hauptrolle aber hat die Prinzessin inne. Kuhlmann hat sich für die Textfassung von Sascha Löschner entschieden, der das Stück vor zehn Jahren renoviert hat. Die Prinzessin hört daher auf den modernen Namen Vanessa, und ein neuer Charakter wird eingeführt, den es im Märchen nicht gibt.

Eine verwöhnte Prinzessin

Tom Ohnerast spielt den "Wind", eine Naturgewalt, die für Turbulenzen sorgt. Susanne Rösch ist als Prinzessin eigenwillig, emanzipiert, aber auch verwöhnt und eitel. Ob es daran liegt, dass sie keine Mutter mehr hat und der König als alleinerziehendes Elternteil mit seiner Aufgabe überfordert ist?

Gregor Nöllen gibt den kindlichen Regenten, der direkten Kurs nimmt auf die Herzen der kleinen Zuschauer. Als wahrer Lenker der Geschicke im Königreich entpuppt sich Klaus Meile, der als Herold die Befehle ausführt, die er dem König vorher eingeflüstert hat.

In der Titelrolle beweist Dennis Pfuhl Charakterstärke. Die braucht er auch, denn er will seine Braut weniger zähmen als ihr die Möglichkeit geben, sich zu einem verantwortungsvollen Menschen zu entwickeln.

Kann so viel Moral Spaß machen? Ja, denn die Inszenierung ist flott, die Schauspieler dürfen singen und tanzen und ihre Charaktere liebevoll überzeichnen. Dass sie das Maß richtig einhalten, dafür sorgt die Regisseurin: "Trotz allem Klamauk wird etwas Ernstes verhandelt!" Festspielchefin Kerstin Löw freut sich auf das traditionelle Märchen, das modern erzählt wird. Nächste Woche findet der Testlauf vor ausverkauftem Haus statt. Premiere ist am Sonntag, 16. Juni, ab 16 Uhr. njm