Bad Staffelstein — Ein Stuhl, ein Tisch, ein Manuskript. Von einer Lampe beschienen, saß Josef Motschmann am Donnerstag da, die jüngste deutsche Vergangenheit betrachtend. Ihr Ende liegt jetzt 70 Jahre zurück und fand auch am Obermain statt.
Eigentlich kein neues Thema für den Leiter der Bad Staffelsteiner Ortsgruppe des Colloqium Historicum Wirsbergense (CHW). Schon oft hielt er für den Geschichtsverein Veranstaltungen zur Geschichte des Dritten Reichs. Das Thema interessiert noch immer, denn im Stadtmuseum musste nachbestuhlt werden, so lange, bis 80 Personen Platz nehmen konnten.
Die letzten Kriegsmonate 1945 am Obermain, das war das Thema. Nürnberg - fränkischer geht's nicht mehr. Die Vorstellung, dass die Flammen einer dortigen Bombennacht das hiesige Firmament erhellt haben sollen, rückte die Bombennächte der Metropolen in die relative Ruhe der Provinz. Es waren Momente wie diese, die spürbar machten, dass es ein Volk in einer gemeinsamen Verantwortung war. Und doch ließ Motschmann keine Schwarz-Weiß-Malerei aufkommen und bewahrte manchem Bürger am Obermain dessen Integrität in dunkler Zeit. Motschmann, der wegen einer Operation heiser war, weil man ihm "die Stimmbänder auf die Seite gemöhrt" habe, hat schon sprachlich das Zeug zum Heimatchronisten. Schreckliches und Anekdotisches konnten so würdig nebeneinander stehen, so wie die 23 Toten des Tieffliegerbeschusses eines Munitionszuges am 1. April '45 in Zapfendorf und des Damenbindenraubes eines Pfarrers, als dieser sich an einer Zugplünderung beteiligte und seiner Haushälterin gedachte.
Von Hitlers Neujahrsansprache bis in die Aprilwochen währte das Kriegsende am Obermain. Manches aus dieser Zeit sei bis heute nicht verarbeitet worden, ließ Motschmann blicken. So wie das Ereignis vom 19. April in Unterbrunn, bei dem der Bürgermeister und drei deutsche Soldaten erschossen worden waren, weil sie nach Meinung der Amerikaner eine Meldepflicht missachtet hätten. Dieser Vorfall habe das Dorf noch lange traumatisiert. Anderswo im Kreis hätten Frauen ihren Widerstand leisten wollenden Männern die Köpfe gewaschen und ganz woanders wiederum hätten sich Frauen als die verstockteren Nazis gebärdet. Einblicke in die heimische Presselandschaft von damals gab's auch: eine Zeitung mit vier Seiten, davon drei für Propaganda und eine für Todesanzeigen.
Am Ende kam es zu dem, was das CHW beabsichtigt: Gespräch, Diskurs. Und es erhoben sich Männer und Frauen, die aus eigenen Erlebnissen in jenen Tagen zu sprechen begannen.