Die Dr.-Gustav-Roßbach-Straße zweigt von der Jahnstraße ab. Anfangs führte sie zur Kreuzbühlstraße. Erst nach den 50er Jahren wurde sie nach Süden in Richtung der heutigen Konrad-Adenauer-Straße verlängert. An der unscheinbaren Nebenstraße stand 1937 erst ein Haus (Nr. 5), 1955 dann drei Wohngebäude. Darunter war ein Mehrfamilienhaus der Bekleidungswerke Striwa. Ein zweites kam später hinzu. Benannt ist diese Straße wohl seit etwa 1930 nach dem Arzt und Vorgeschichtsforscher Dr. Gustav Roßbach, der seit 2013 auch Namensgeber der Grundschule an der Kronacher Straße ist.

Gustav Roßbach, mit vollem Namen Georg Heinrich Gustav Roßbach, wurde 1843 in Einberg (heute Rödental) geboren. Sein Vater und sein Großvater waren Chirurgen, also "gelernte" Ärzte. Nach dem Besuch des Gymnasiums Casimirianum in Coburg studierte er an der Universität Jena Medizin. Anfang 1870 eröffnete er eine ärztliche Praxis in Untersiemau. Im Lichtenfelser Tagblatt kündigte er an, er werde "die Medizin in ihrer Gesamtheit ausüben [...]. Kinder- u. Frauenkrankheiten (inclusive Geburtshilfe) finden besondere Berücksichtigung. Geschwülste, Geschwüre u. Hautkrankheiten aller Art werden, soferne sie überhaupt heilbar sind, rasch u. sicher beseitigt. Sprechstunden von 9 Uhr Vormittags bis 1 Uhr."

Sprechstunden in Staffelstein

Im August 1870 zeigte er an, dass er ebenfalls in Staffelstein Sprechstunden halte. Schließlich verließ Roßbach das Herzogtum Sachsen-Coburg und Gotha und übersiedelte im Januar 1875 mit seiner hochschwangeren Ehefrau und zwei kleinen Kindern nach Lichtenfels. Kaum in Lichtenfels ansässig geworden, erwarb Roßbach das Haus Nr. 45½ in der Bamberger Straße (heute Nr. 29) am damaligen südlichen Stadtrand. Im Sommer 1879 ließ er vom Bauunternehmer Friedrich Stenglein das Gebäude abbrechen und einen stattlichen Neubau errichten. Kaum war das Haus fertiggestellt, verließ die Familie Roßbach Lichtenfels: Sie zog im März 1880 nach Zeil am Main. Die Gründe liegen im Dunkeln; vermutlich hatte der Schritt wirtschaftliche Ursachen. Als Ende desselben Jahres aber die Stelle des Kran-kenhausarztes in Lichtenfels frei wurde, lud der Stadtmagistrat Roßbach, der das Lichtenfelser Bürgerrecht besaß, zur Rückkehr ein. Roßbach willigte ein. Im Februar 1881 zeigte er die Eröffnung seiner Praxis in seinem Wohnhaus an. Hundert Meter entfernt stand das 1845 eröffnete städtische Krankenhaus, 1856 erweitert, 1894 aufgestockt. Die Krankenpflege lag seit 1848 in den Händen der Barmherzigen Schwestern vom Hl. Vinzenz von Paul. Mit der ärztlichen Betreuung der Patienten beauftragte der Magistrat einen Wundarzt und einen akademisch gebildeten Arzt. Diese Stelle übernahm Roßbach - wohlgemerkt: nebenberuflich. Der "Wunschzettel" - so wörtlich -, den er nach einer Woche der Stadtverwaltung präsentierte, illustriert, wie bescheiden seine Arbeitsverhältnisse waren: zwei Fieberthermometer, ein Stativ mit Reagenzgläsern, antiseptische Verbandstoffe, ein Inhalationsapparat. Zu den Neuerungen, die unter Roßbachs Ägide erfolgten, zählten 1889 ein fahrbarer Krankentransportkorb und 1893 eine Badewanne mit Ofen. Bis 1905/06 fehlten dem städtischen Krankenhaus ein Operationssaal und ein Sprechzimmer.

Roßbach versah die Aufgabe des Krankenhausarztes, bis sie 1905 sein Sohn August übernahm, der im selben Jahr eine eigene Praxis eröffnete. Die medizinische Versorgung des Krankenhauses war freilich nur eine Facette im ärztlichen Wirken Dr. Gustav Roßbachs. Im Zentrum stand seine Praxis, die großen Zulauf hatte. Dr. Felix Schlagintweit, der Sohn eines Lichtenfelser Bahnbeamten, erinnerte sich in seinen Memoiren an die Begegnungen, die er als Medizinstudent mit Roßbach hatte: "In meinen Ferien schloß ich mich dem lieben, alten Lichtenfelser Arzt Dr. Roßbach an, half ihm in seiner Sprechstunde und begleitete ihn auf seinen oft weiten, aber immer anmutig durch Wirtshauseinkehr unterbrochenen Landbesuchen in der schönen Umgebung von Lichtenfels. [...] Bald durfte ich auch allein zur Nachschau bei den ärmsten Kranken Dr. Roßbachs, meist armen Korbflechtern oder Porzellanarbeitern auf den Dörfern um Lichtenfels, umherfahren" - mit einem Hochrad - "und wurde so eine angesehene Medizinalperson. Natürlich lernte ich auch viel, da der alte Doktor immer Vorlesungen hielt." Roßbach behandelte manchen Armen unentgeltlich. Kam ein Genesener, um Dank abzustatten und nach den Kosten zu fragen, konnte er die Antwort erhalten: "Sie bekommen Ihre Rechnung, aber wir müssen warten, bis das Papier billiger wird, soviel Geld habe ich nicht, um die teuren Formulare zu kaufen."

"Belebender Frohsinn"

Vermessungsamtmann Hans Brütting stellte in seinem 1943 erschienenen Lebensbild Roßbachs heraus, dieser sei bestrebt gewesen, "die Schatten des Krankenbettes durch belebenden Frohsinn zu verscheuchen". Mit seiner "heiteren Gemütlichkeit [...], die von seiner Persönlichkeit sowohl am Krankenbette als auch im geselligen Kreise ausging", habe er Beachtliches bewirkt. Brütting zitiert einen Patienten Roßbachs mit den Worten: "In mein größten Elend hot a mi zan Lachen bracht, und do drauf bin i gsund worn."

Wo nötig, fehlte es Roßbach an eiferndem Ernst nicht. Denn er hatte - so Brütting - "schwere Kämpfe zu führen gegen alteingewurzelte Quacksalberei und Pfuschertum, vor allem aber gegen eine unglaublich rückständige Geburtshilfe". Die Bemühungen um Hygiene begleiteten sein berufliches Leben. Der Bau der Lichtenfelser Hauswasserleitung 1900 erfolgte nicht zuletzt auf Roßbachs Betreiben hin. Roßbach führte seine Praxis bis zum Tod, wenngleich er ab 1918 aus gesundheitlichen Gründen keine Hausbesuche mehr machen konnte. Sein ärztliches Wirken fand Anerkennung durch die Verleihung des Ehrentitels "Sanitätsrat" im Jahr 1917 und "Geheimer Sanitätsrat" sieben Jahre später. Umsorgt von zwei Töchtern, starb der früh verwitwete Geheimrat Dr. Roßbach am 10. Dezember 1927 im Alter von 84 Jahren.

In Erinnerung geblieben ist Roßbach nicht so sehr als Arzt, vielmehr als Vorgeschichtsforscher. Bald nach seiner Niederlassung in Lichtenfels zog dieses Thema ihn in seinen Bann. Seine Forschungen vollzogen sich offenbar lange im Stillen. Erst 1906 zeigte er seine steinzeitlichen Funde auf einer Ausstellung in Nürnberg. Erstmals publizierte er 1911 einen Aufsatz, der die Untersuchung des Gräberfeldes zwischen Grundfeld und Reundorf zum Thema hat. Die Lokalpresse berichtete nur selten über sein Wirken auf prähistorischem Feld. Ende 1908 meldete das Lichtenfelser Tagblatt, Roßbachs archäologische Forschungen hätten "in letzter Zeit zu interessanten Ergebnissen geführt. Er konnte nämlich in der nächsten Umgebung von Lichtenfels eine ganze Reihe vermutlich neusteinzeitlicher Siedlungen nachweisen, wobei sehr zahlreiche mehr oder weniger fein bearbeiteter Gegenstände, als Pfeil- und Lanzenspitzen, Messer, Schaber, Sägen, Bohrer etc. gehoben werden."

Roßbach wusste offenbar durchaus Menschen mit seiner Begeisterung anzustecken. So berichtet Felix Schlagintweit aus der Zeit um 1890: "Herrlich, wenn es galt, ein ,Hünengrab' zu öffnen. Diese prähistorische Leidenschaft des guten Doktors ging bald auf mich über; ich wurde ein erpichter Ausgräber. [...] Auf dem immer noch bestellten Hochacker des Staffelbergeinsiedlers Ivo brauchte man nur hinter dem Pfluge dreinzugehen, um Feuersteinspitzen, verwitterte Bronzestückchen oder Urnenscherben zu finden, wenn man ein Auge dafür hatte. Aber ich habe auch bei Wind und Wetter da oben mit der Hacke so lange geschafft, bis ich sie kaum mehr halten konnte. [...] Welch ein Stolz, wenn es mir gelang, eine schöne, große, schwarze Urne freizulegen und zu bergen."

Die meiste Unterstützung hatte Roßbach freilich von seinen Söhnen. Bis ins Erwachsenenalter unterstützten sie den väterlichen Forscherdrang. Brütting bezeugt, dass sich Roßbach bei allem Forschereifer stets wissenschaftliche Zurückhaltung auferlegt habe. Seine Maxime lautete: "Wenn schon ein Grab geöffnet werden soll, dann muß es mit der größten Vorsicht und restlos untersucht werden; besser ist es, man untersucht e i n Grab richtig und läßt hundert unberührt, als man öffnet hundert Gräber und läßt eine vermeintliche Kleinigkeit unbeachtet. Deshalb nahm er sich meistens nur solche Tumuli vor, die bereits angeschlagen oder irgendwie gefährdet waren, und wußte immer seinen Forschungsdrang zu zügeln; denn, wie er sagte, für die Nachwelt müsse auch etwas übrig bleiben, vielleicht kann sie manches besser beurteilen als wir, da viele Zusammenhänge erst später nach langjährigem Suchen und Vergleichen offenbar geworden sein werden."

Mehr Gewicht als die Grabungen hatten und haben freilich Roßbachs Oberflächenfunde an steinzeitlichen Rastplätzen bei Kösten, Schönsreuth, am Krappenberg und in der Flur "Stein" zwischen Lichtenfels und Mistelfeld. Namentlich Roßbachs Erkenntnisse über die altsteinzeitliche Station bei Kösten waren lange umstritten, bis mit Professor Hugo Obermaier (1877-1946) eine international anerkannte Kapazität sie im Wesentlichen bestätigte. Bei einem Besuch in Lichtenfels erklärte er öffentlich, zu Roßbach gewandt: "Es gibt Wenige, die Gleiches geleistet haben wie Sie; denn Ihre Sammlung ist eine der größten Privatsammlungen in Deutschland."

Funde sind in Erlangen verwahrt

Als Roßbach im hohen Alter keine Feldbegehungen mehr durchführen konnte, arbeitete er seine Funde durch, wobei er die wichtigsten Stücke säuberlichst zeichnete. 1935 hoffte das Lichtenfelser Tagblatt, damals geleitet von seinem Enkel Kurt Roßbach (1913-1988), man könne die Sammlung für das Heimatmuseum Lichtenfels gewinnen. Angesichts des Schicksals, die das Heimatmuseum ab 1942 erlitt, kann man nur freudig begrüßen, dass dies scheiterte. Zunächst blieb der Bestand in der Obhut der unverheirateten Kinder Gustav Roßbachs. 1939 ging er an das Institut für Ur- und Frühgeschichte der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen über. Als wichtige Vervollständigung übergab die Familie 1993 dem Institut die "Bildkataloge", die der Sammler geschaffen hatte. In Erlangen wird der Bestand sorgsam verwahrt.