Deutschland war im Mai 1945 weitgehend zerstört, militärisch erobert und besetzt. Der Herzogenauracher Fliegerhorst wurde nach dem Sieg über Hitler-Deutschland im Mai und Juni 1945 von Einheiten der amerikanischen Luftwaffe belegt, die, wie es in den Truppenchroniken meist vielsagend heißt, "Aufgaben als Besatzungsmacht übernahmen".

Seit der Landung der alliierten Truppen in der Normandie hatten amerikanische Jagdgeschwader den Vormarsch der Bodentruppen begleitet. Eine Kette von quasi über Nacht aus dem Boden gestampften Einsatzflughäfen war quer durch Frankreich und Deutschland bis nach Bayern angelegt worden. Von hier aus starteten die Jagdflugzeuge der 354th Fighter Group, die legendären North American P-51 Mustangs, deren Einsatz aus Sicht von Militärhistorikern den Verlauf des Luftkrieges entscheidend beeinflusst hatte.

Mit 701 offiziell bestätigten Abschüssen von Feindfliegern sind die Piloten der "Pioneer Mustang Group" für die Amerikaner so etwas wie Helden. Kriegshelden. Über keine Truppe, die am Kampfeinsatz gegen Nazi-Deutschland teilgenommen hat, wurden mehr Zeitzeugenberichte geschrieben, eine ganze Reihe von Dokumentarfilmen und Büchern beschreibt ihre Einsätze.

"Überraschend komfortabel"

Mitte Mai 1945 landet drei Einheiten der 354th Fighter Group, die 353rd, 355th und die 356th Fighter Squadron, auf dem "Advanced Landing Ground R-29" in Herzogenaurach, auf einem "überraschend komfortablen Stützpunkt", wie GIs später berichteten, wo "sogar die Heizung und das Warmwasser funktionierten". Zu ihren Aufgaben gehörte die Luftüberwachung der amerikanischen Besatzungszone, der Schutz von Aufklärungsflugzeugen, die detaillierte Luftaufnahmen schossen, sowie die "Entwaffnung Deutschlands" mit der gezielten Zerstörung von Rüstungsbetrieben und militärischen Einrichtungen. Nebenbei vertrieben sie sich die Zeit mit Baseball und dem Versuch, "sich wieder ans Zivilleben zu gewöhnen". Die Truppe blieb bis Februar 1946, kehrte dann in die USA zurück, wo sie zum 31. März 1946 außer Dienst gestellt wurde.

Im Juni 1945 bekamen sie Gesellschaft. Mit der 320th Bombardment Group landete eine weitere Besatzungstruppe der Army Air Force mit Mittelstreckenbombern vom Typ B-26 "Marauder" auf dem Herzogenauracher Flugplatz. Die täglichen Einsatzberichte der Einheit sind inzwischen zum Teil freigegeben und auch im Internet einsehbar - wenn auch mit etlichen geschwärzten Passagen. Zu lesen ist, dass die Truppenstärke im Juni 1945 genau 96 Offiziere und 364 Mann betrug. Vieles über diese Truppe bleibt jedoch bis heute streng geheim.

Das Geheimnis heißt Operation Lusty (Luftwaffe Secret Technology), die vor allem der Suche nach deutscher Technologie im Bereich der Luftfahrttechnik galt. Die Soldaten der 320th Bombardment Group beschrieben ihre Aufgabe als eine Art "legitimer Plünderung". In Teams durchkämmten sie während der Monate Juni, Juli und August 1945 die Fabriken und Forschungseinrichtungen auf der Suche nach bahnbrechenden Erfindungen. Seit in Herzogenaurach Flugschüler mit hölzernen Doppeldeckern die ersten Flugmanöver geübt hatten bis zur Fertigstellung der Messerschmidt Me 262, des ersten Düsenjägers der Welt, der mit mehr als 950 Stundenkilometern deutlich schneller unterwegs war als eine P-51, hatte die Technologie kriegsbedingt eine gewaltige Entwicklung gebracht.

Wie in den Einsatzberichten der 320th Bombardment Group zu lesen ist, machte sich ein Team am 3. Juli 1945 auf den Weg nach Pottenstein. Ziel der viertägigen Aufklärungsmission war das geheime Akkustiklabor Oskar Vierlings auf Burg Feuerstein, das ein Air Technical Intelligence Team bereits im April als Target ausgekundschaftet hatte. Bis zum Dezember 1945 hatten die Amerikaner ihre Besatzungszone penibel durchsucht und ganze Berge an Bauplänen, technischen Aufzeichnungen und Gerätschaften auf direktem Wege in die USA gebracht. Die 320th Bombardment Group wurde am 4. Dezember 1945 außer Dienst gestellt.

Doch mit dem Abzug der amerikanischen Fliegertruppen war die Geschichte des Fliegerhorsts als Stützpunkt der US-Armee nicht zu Ende. Bei Kriegsende war eine Reihe von mobilen Aufklärungstrupps, Signal-Service-Einheiten der US-Armee, in Deutschland geblieben, und das Interesse der Besatzungsmacht war groß, deren Tätigkeit nach Kriegsende so lange wie möglich fortzusetzen. Bei der Suche nach einer deutschen Militärstation, die sich als fester Standort eignete, kam der Herzogenauracher Fliegerhorst ins Spiel, und seine Karriere als wichtigste Lauschstation der Amerikaner in Europa begann.