Andreas Lösch

Als der Amtskellner Jörg Fuchs im Jahr 1577 durch den Steigerwald ritt, ereilte ihn ein furchtbares Schicksal: Er und sein Pferd wurden von Wölfen gestellt und zerfleischt. Darauf deutet zumindest die Inschrift einer Gedenktafel vor dem Kellnermarter hin, eine Steinsäule mit einem Muttergottesbild in der Nähe von Fabrikschleichach.
Wie der Kirchaicher Kreisheimatpfleger Christian Blenk erklärt, sei es schwierig, den Wahrheitsgehalt der Geschichte zu überprüfen. Allerdings sei einst durchaus eine Gefahr von Wölfen ausgegangen, in erster Linie aber nicht für Menschen selber, sondern für ihre Nutz- und Haustiere. "Die meisten Geschichten über den Wolf als blutgierige Bestie, als Menschenfeind Nummer eins, stellten sich als unwahr oder nicht bewiesen heraus", erklärt Blenk. "Nur wenige Ereignisse konnten als echt und wahr dokumentiert werden." Das Kellnermarter für Jörg Fuchs von der Burg Zabelstein sei aber zumindest ein Hinweis auf die "Wolfsgefahr in früherer Zeit".


Die letzte Wolfssichtung

Anhand von Protokoll- und Beschlussbüchern unter anderem aus dem Gemeindearchiv Oberaurach hat Blenk Informationen über die Wölfe im Steigerwald zusammengetragen und dem Fränkischen Tag zur Verfügung gestellt. "Der letzte Wolf, der durch den Steigerwald als Einzelgänger streifte, wird in den Jahren 1816/17 das letzte Mal erwähnt", erklärt Blenk. Von einem Abschuss des Tieres sei nichts bekannt. Aber: "Obwohl seit circa 200 Jahren der Wolf im Steigerwald als ausgestorben gilt, lebt er weiter in Wolfsgeschichten und -erzählungen, in den Namen und Bezeichnungen von Äckern und Flurmarkungen."
Durch die Neuordnung der Flur, durch die Zusammenlegungen von Flurmarkungen zu größeren Einheiten verschwänden manchmal alte Bezeichnungen. "So trug in Kirchaich eine Flurmarkung den Namen Wolfsgraben, in Tretzendorf ist den Einwohnern die Bezeichnung Wolfskahl, Wolfskehl und auch Wolfsgraben ein Begriff, in Unterschleichach kennt man eine Wolfswiese." Auch die Geschichten von riesigen Hunden mit feurigen Augen, wie in einer Sage über das Kimital in der Trossenfurter Flur, könnten mit dem Wolf in Verbindung gebracht werden, beschreibt es der Heimatforscher weiter.


Angst vorm bösen Wolf?

Dass Wölfe bei vielen Menschen Furcht auslösten und es bisweilen bis heute tun, liegt laut Blenk daran, dass den Raubtieren in Märchen und Fabeln ein schlechtes Image verpasst wurde. Der Wolf würde in Märchen wie "Der Wolf und die sieben Geißlein" oder "Rotkäppchen" als reißerische Bestie und Untier dargestellt, obwohl man weiß, dass er "als ein scheues Tier die Nähe und den Umgang mit den Menschen grundsätzlich meidet".
Noch im 18. Jahrhundert habe der Wolf zum heimischen Tierbestand gehört wie Hirsch, Auerhahn und andere. Die Zunahme der Bevölkerung sowie wirtschaftliche Nutzung auch weniger ertragreicher Böden verengte laut Blenk den Lebensbereich dieser Tiere so drastisch, dass ihre Art hierzulande zum Aussterben verurteilt war. "Die gnadenlose Jagd auf einen unliebsamen Konkurrenten bei der Jagdbeute trug ihr übriges dazu bei."
Vergessen dürfe man nicht, dass der Wolf seiner Lebensart nach als Fleischfresser versucht, seinen Lebensunterhalt durch das Töten von Beutetieren zu sichern. Kalte und schneereiche Winter zwangen demnach den Wolf zu ungewöhnlichen Maßnahmen und Verhaltensweisen bei der Nahrungsbeschaffung, so dass er auch in Schaf- und Viehställe eindrang und durch Siedlungen streunte. Dass die Wölfe früher im Steigerwald zahlreich waren, zeige eine Abschussliste aus den Jahren 1697/98. Nach dieser sollen im Steigerwald 15 alte und 26 junge Wölfe zur Strecke gebracht worden sein.
Eine Sage aus Zell am Ebersberg, erwähnt von dem Autor Dr. Erich Meidel, berichtet von einem Schafhirten, der mit seinem Horn Alarm blies, obwohl kein Anlass bestand; die zur Verteidigung gegen einen vermeintlichen Wolfsangriff angerückten Bauern zogen erbost wieder ab. Als tatsächlich einige Zeit später Wölfe auftauchten, eilte kein Bauer trotz des Hornsignals zu Hilfe. Der Schäfer brachte sich auf einem Baum in Sicherheit und blies ununterbrochen um Hilfe. Als endlich Bauern erschienen, waren etliche Schafe bereits von den Wölfen gerissen worden. Von einem Streitfall wegen eines unerlaubt abgeschossenen Wolfes in dem durch Würzburg und Bamberg festgelegtem Jagdrevier im Hainerter Wald durch den zum Ebersberg gehörigen Schäfer berichtet das Ratsprotokollbuch der Stadt Zeil vom 5. März 1670.
Laut Blenk hatten die Menschen im Steigerwald Schutzvorkehrungen gegen die Bedrohung durch Wölfe getroffen. Als die Glasfabrik in Neuschleichach 1705 nach dem jetzigen Fabrikschleichach verlegt wurde, "schützte man die neu errichteten Gebäude mit einem Palisadenzaun gegen das in der Nacht auftauchende Wolfsrudel". Auch Wolfsgruben gab es etliche.
Dass der Wolf grundsätzlich in einem schlechtem Ansehen bei den Menschen steht, liegt laut Blenk auch daran, dass Wolf und Mensch Interesse für die gleichen Beutetiere hatten. Menschen sahen im Wolf "einen unliebsamen Konkurrenten, der seine Nahrungsgrundlage und seinen Verdienst erheblich schmälerte". Dazu käme noch die Gefahr, die tatsächlich von den Wölfen ausging, wenn sie auf Suche nach Futter zum Beispiel in besonders harten Wintern waren: Hunger sei sicher eine Triebkraft gewesen, "die seine Angst und seine Vorsicht dem Menschen gegenüber erheblich senkte". Mit der Einführung des Tellereisens als effektive Falle stiegen die Fangzahlen laut Recherchen Blenks Ende des 17. Jahrhunderts und mit Beginn des 18. Jahrhunderts erheblich an.
Die intensive Bejagung sowie das schlechtere Angebot an Lebensraum für Wölfe führte dazu, dass die Raubtiere aus dem Steigerwald und letztlich aus ganz West- und Mitteleuropa fast vollständig verschwanden.