von unserem Mitarbeiter Markus Häggberg

Lichtenfels — 200 Euro. Mehr kostet er nicht, der große Weihnachtsbaum auf dem Lichtenfelser Marktplatz. Er ist einmalig, all die anderen sind es nicht. Eben die, die alljährlich am Märchenwald, in der Badgasse oder vor den Schulen der Stadt stehen. Ihrer müssen Dutzende sein und ihre Beschaffung unterliegt neuerdings einem einfachen Prinzip: geben und nehmen.
Die Methode geht ins zweite Jahr. "Früher haben wir Äste (im Handel) gekauft und jetzt nehmen wir sie von den Bäumen von Privatleuten", erzählt Wolfgang Bauernschmitt. Der Vorarbeiter im Bauhof der Stadt Lichtenfels ist um diese Zeit mit der Frage befasst, wie sich die Stadt schmücken lässt. Man benötigt Weihnachtsbäume und Astwerk für Kränze oder sonstigen weihnachtlichen Zierrat.

Vier stadteigene Plantagen

Auf vier eigene Plantagen kann die Stadt zu diesem Zweck zurückgreifen, aber der Bedarf ist höher als der taugliche Bestand. So fahren Bauernschmitt und sein Kollege Georg Grebner an diesem Donnerstag los, brechen zu einer Tour durch das Stadtgebiet und darüber hinaus auf, um mögliche Weihnachtsbaumkandidaten auszukundschaften und auf baldige Abholung vorzubereiten.

Gerade sollte er schon sein

Das erste Gespräch hierzu ergibt sich in der Schulstraße zwischen Straße und Fenster. Die Dame im ersten Stock weiß um das Inserat, das die Stadt vor vier, fünf Wochen aufgegeben hat. Man würde Bäume umsonst schlagen und abholen, so das städtische Angebot.
Kein schlechtes Angebot für jemanden, dessen Baum unter einem Strommast wächst und früher oder später zwangsläufig und kostenintensiv gekappt werden müsste. Oder für jemanden, der Platz für eine neue Anpflanzung schaffen möchte. Gründe gibt es viele, aber einigermaßen gerade gewachsen sollten die Bäume schon auch sein.
Der in der Schulstraße ist es bedingt, denn Bauernschmitt sieht gleich, dass er "ab gewisser Höhe unförmig" ist. Der weitere Weg - die Route wurde anhand einer Liste von Antwortgebern auf das Inserat vorab geplant - führt hinauf zum Breiten Rasen in die Grünewaldstraße. Zwischen mehreren Nadelbäumen steht einer, den der Besitzer freigibt. "Nur die Äste" seien verwertbar, kommt das Duo Bauernschmitt/Grebner überein. Im vergangenen Jahr konnte hier in der Nachbarschaft eine 20 Meter hohe Nordmanntanne umgehauen werden. Mit Keil und Bulldog und Seilwinde. Aber so einfach ist das mit der Zuhilfenahme von technischen Gerätschaften auch nicht, erklärt Bauernschmitt. Der Mann ist der Wirtschaftlichkeit verpflichtet und mehr noch dem Stadtkämmerer. 150 Euro kostet ein Kran in der Stunde, da rechnet sich mancher Aufwand gar nicht und da "stiege der Kämmerer ihm auf den Kopf". Also bleibt manch ein Baum, der schwer zu verbringen oder auf unwegsamem Gelände steht, auch gerne wo er ist.

Eine Schönheit von sieben Metern

An der dritten Station in der Dr.-Wittmann-Straße endlich eine Schönheit. Wohl siebeneinhalb Meter hoch ist die Blaufichte und sie hat ihre eigene Geschichte. Sie ist "ein Lebensbaum", erzählt der Besitzer. Gepflanzt zur Geburt des Kindes, loszuwerden bei Erreichen der Volljährigkeit. Jetzt könne anstelle des Baumes auch ein freier Vorgarten reizend aussehen. Bauernschmitt und Grebner versprechen, den Baum abzuholen. Ob er, wie all die anderen Bäume, bündig mit dem Erdreich gekappt wird, steht noch nicht fest. Bauernschmitt bringt eine Variante ins Spiel: Man könne einen Stumpf für ein Vogelhäuschen stehen lassen. Die Idee kommt an.

20-Meter-Tanne bleibt stehen

"Es gab Bäume, da haben wir gesucht, wo die sein sollen - das konnte man nicht einmal als Baum definieren", erzählt Bauernschmitt zu schon erlebten weit auseinanderklaffenden Vorstellungen von schönen Bäumen.

Schluss nach der elften Station

In der Schney wird es an diesem Tag vorkommen, dass ein Mann die beiden Stadtmitarbeiter von der Sinnhaftigkeit zu überzeugen versucht, doch seine 20-Meter-Tanne mitzunehmen. Besonders schön ist die nicht, und sie steht absolut unzugänglich zwischen Häusern. Dort wird sie noch nächstes Jahr stehen und vermutlich die Jahre darauf. Elf Stationen werden an diesem Donnerstag angefahren, mit nicht allen ist man sich handelseinig geworden.