Johannes Schlereth Der Zufall spielte Eugen Reiter aus Reichenbach ein besonderes Erinnerungsstück in die Hände. Beim Aufräumen auf dem Dachboden entdeckte er zwei Pergamentrollen. Der Inhalt: Die Kriegschronik seines Großvaters Stephan Back, der im Ersten Weltkrieg als Soldat kämpfte. Ein bedeutendes Erinnerungsstück für dessen Enkel, hat er doch als Andenken lediglich noch ein Hochzeitsbild aus dem Jahr 1902.

"Die Geschichte meines Großvaters beschäftigt mich seit ich Rentner bin", sagt Reiter. "Das sind ungefähr zehn Jahre." In diesem Zeitraum begab er sich auf Spurensuche. "Meine Mutter hat mir damals alles von ihm erzählt", nennt der Reichenbacher den Ausgangspunkt seiner Recherchen. Denn von den Kriegserlebnissen erzählte sein Großvater zeitlebens nichts. Klarheit über seinen militärischen Werdegang und die verschiedenen Einsatzorte schaffte die Kriegschronik.

Über 100 Jahre alt

Fein säuberlich ist auf dem schweren Papier mit schwarzer Tinte aufgelistet, wo sich Back wann an der Westfront befand. Im Januar 1916 zog das Militär den Rhöner mit 38 Jahren ein. Nach einer etwa halbjährigen Ausbildung ging es für ihn an die Front. Die späte Rekrutierung hatte für ihn einen glücklichen Zufall parat: Durch sie kam Back um den Einsatz in der Blutmühle Verdun herum.

Das große Sterben in den Gräben erlebte er dennoch. Sein Regiment hat sich laut Kriegschronik "ehrenvoll anteilnehmend am Feldzug" beteiligt. Focht er 1916 an der Somme und in der Champagne, versetzte das Oberkommando seine Einheit im Jahr 1917 an den Chemin des Dames an der Aisne. Dort versuchten die Franzosen sich in einer minuziös ausgearbeiteten Offensive im April 1917. Ziel war, einen Höhenzug einzunehmen, der sich in deutscher Hand befand. Allerdings hatten die kaiserlichen Truppen diesen stark befestigt, so dass die französische Armee dort schwere Verluste erlitt. Die Stimmung der Angreifer sank gegen Null, Meutereien begannen. Die grausame Bilanz nach dem Abbruch der Schlacht im Mai: 190 000 tote Franzosen, 160 000 tote Deutsche und der Hügelzug befand sich nach wie vor in deutscher Hand.

Letzter Angriffsversuch

Im Kriegsjahr 1918 begannen die Deutschen ihre letzte Offensive im Westen in der Somme-Region. Diese sollte - so die Propaganda - den Sieg bringen. Auch Back musste mit seiner Einheit, dem 24. Bayerischen Infanterie-Regiment mit angreifen. Die kaiserlichen Truppen drangen bis auf etwa 100 Kilometer an die französische Hauptstadt heran. Doch der Vorstoß war teuer mit Menschenleben erkauft. Hinzu kamen die schlechte Moral der Deutschen sowie die Versorgungsengpässe: Die Frühjahrsoffensive brach in sich zusammen. Der Infanterist aus Reichenbach versah daraufhin seinen Dienst bis Kriegsende im französisch-belgischen Grenzgebiet. Auch wenn der Krieg am 11. November 1918 endete, entließ die Armee Back erst rund zehn Tage später.

Fortuna war auf Backs Seite

"Er hatte viel Glück", meint sein Enkel. Die Chronik ziert der Spruch "Verklungen ist der Waffen Lied, versunken die alte Zeit". Dieser sollte sich in seinem Leben nochmals bewahrheiten. Als im Zweiten Weltkrieg die US-Army sich ihren Weg durch die Region bahnte, befanden sich seine vier Söhne bereits in Alliierter Kriegsgefangenschaft. Back hätte noch im Volkssturm kämpfen sollen. Sein Einsatzort wäre in Steinach gewesen. Dort entbrannten am Weißen Sonntag 1945 heftige Gefechte mit sich zurückziehenden Truppen. Doch: "Er hatte wieder Glück. Sie hatten dafür schon geübt, aber letztlich waren die Amerikaner dann schneller in Steinach, so dass er nicht mehr zum Einsatz kam." Nach Kriegsende kehrten seine Söhne gesund aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Um den vielen glücklichen Fügungen im Leben zu gedenken, errichtete die Familie die Kapelle beim Reichenbacher Sportheim.