Es ist 3 Uhr nachts, und plötzlich klingelt es an ihrer Tür. Zwei Beamte in Dienstkleidung stehen davor. Die Bewohner halten alles nur für einen schlechten Scherz, doch ihre schlimmste Befürchtung bewahrheitet sich: Jemand aus ihrer Familie ist verstorben. Eine unangenehme Wahrheit, mit der wir alle theoretisch jederzeit konfrontiert werden könnten.

Die Polizeibeamten Gerhard Anders und Matthias Stöcker aus Kronach kennen diese Situation. Sie erinnern sich. "Die unangenehmsten Wahrheiten, die wir überbringen müssen, sind natürlich Todesnachrichten", klärt der 47-jährige Anders auf. Vom Verkehrsunfall bis hin zum Leichenfund - berichtet werden muss alles. Natürlich auch zu jeder möglichen Tages- und Nachtzeit.

Enge Zusammenarbeit

Die lokalen Dienststellen sind auch zuständig, wenn beispielsweise ein Kronacher außerhalb seines Wohnortes verunglückt. Bei Unfällen im Ausland stehen die hier ansässigen Polizisten ebenfall in der Pflicht, da es sich um einen Bürger ihres örtlichen Einsatzbereichs handelt. "Es gibt oft den Fall, dass jemand im Badeurlaub beispielsweise einen Herzinfarkt hat und uns die Nachricht über die jeweilige Botschaft übermittelt wird", teilt Matthias Stöcker mit. Von 2018 bis zum 27. September 2019 zählten die Polizeiinspektionen (PI) Kronach und Ludwigsstadt zusammen fünf tödliche Unfälle.

Ob jeder Beamte die Übermittlung von Tragödien übernehmen muss? Anders erzählt: "Grundsätzlich natürlich schon. Jedoch gibt es auch Vorgespräche, wer welchen Fall übernimmt." So sei es sinnvoll, den meist erfahreneren Dienstgruppenleiter mitzunehmen oder einen Kollegen zu beauftragen, wenn dieser eine engere Verbindung zu den Personen, zum Beispiel durch Bekanntschaft, habe.

Aufgabe eines jeden Polizisten

Sicherlich ist der Moment eines solchen Gesprächs für beide Seiten eine Extremsituation. Obwohl es polizeiintern nur begrenzte Möglichkeiten gibt, sich weiterzubilden, erhält jeder Polizeianwärter in seiner Ausbildung grundlegendes Wissen zum Thema Tragödien und deren Übermittlung. "Einzig und allein der Dienstgruppenleiter hat in seinem Studium auch psychologische Module", erklärt Anders.

Grundlegend wichtig für das Gespräch ist laut der beiden Kronacher Polizisten, dass man sehr genaue Informationen über den jeweiligen Fall hat. "Die Angehörigen haben natürlich das Recht auf wahrheitsgetreue Auskunft, wenn beispielsweise ihr Verwandter auf der Arbeit verunglückt ist", sagt Anders.

Des Weiteren müsse vor dem Termin, der immer persönlich stattfinde, abgeschätzt werden, wie die Hinterbliebenen auf den Schicksalsschlag reagieren werden. Gegebenenfalls nehme man gleich im Voraus einen Seelsorger mit, um eine optimale Nachsorge zu gewährleisten. Wie lange die Beamten bleiben, sei individuell vom Zustand und den Fragen der Trauernden abhängig. Beide Polizisten sind sich einig: "Tatsachen beschönigen tun wir auf keinen Fall. Wir setzen auf die schmerzhafte Wahrheit. Falsche Hoffnungen zu machen, bringt niemandem etwas."

Emotionaler Ausnahmezustand

So individuell wie die Menschen, die ihre Haustür für die Beamten öffnen, so sind auch ihre Reaktionen auf die Hiobsbotschaften. "Erlebt haben wir wirklich schon alles. Von völliger Gefasstheit bis hin zum Kollaps oder willkürlichen Wutausbrüchen", erinnern sich die beiden. Viele Betroffene würden erst im Nachgang wirklich realisieren, dass ein geliebter Mensch nie mehr zurückkommen wird.

Matthias Stöcker erinnert sich an einen Einsatz: "Ein Mensch beging Suizid, und einige, ihm nahe stehende Personen kamen zur Unglücksstelle. Es herrschte völlige Hysterie!" Gerade dann ist es wichtig, Einfühlungsvermögen zu zeigen. Es sei wichtig, sich der Sache anzunehmen und nicht zu neutral an den Fall heranzugehen, meinen die Polizisten.

Anders ist überzeugt: "Es ist natürlich kontraproduktiv, wenn man zu wenig Empathie zeigt." Nicht nur die Art der Übermittlung an sich ist wichtig, sondern auch die entsprechende Nachbereitung. Nachdem die Beamten das Haus verlassen, ist meist ein Seelsorger vor Ort zur seelischen Unterstützung der Angehörigen. Anders betont außerdem, dass die Arbeit nach dem Verlassen der Angehörigen nicht getan sei. Auch die weitere Betreuung, falls noch Fragen aufkommen, gehöre zum Job der Polizisten. Schließlich hätten die Hinterbliebenen ein Recht auf Auskunft.

Verschiedenste Tragödien

"Tod ist allgemein ein schlimmes Thema. Mir fällt es wirklich schwer, mein persönlich schlimmstes Erlebnis herauszupicken", erzählt Stöcker nachdenklich. Die Bilder von solchen Erlebnissen blieben für immer im Gedächtnis.

Auch er erinnert sich lebhaft an den ersten tödlichen Unfall, bei dem er dabei war. In diesem Beruf erlebe und sehe man viel, stellt er fest. Stöcker sagt: "Am meisten berühren mich Unfälle, die tödlich verlaufen oder allgemein Fälle, bei denen Kinder involviert sind."

Umgang mit dem Erlebten

Nicht nur für die trauernden Angehörigen ist ein Todesfall eine schwierige und ungewohnte Situation. Auch die Polizisten werden jedes Mal vor eine Herausforderung gestellt.

Wie ein Beamter emotional mit solchen Erlebnissen umgeht, kommt natürlich darauf an, wie er selbst gestrickt ist. Außerdem macht es laut den beiden Kronacher Polizisten auch einen Unterschied, ob man Berufsanfänger oder durch die jahrelange Erfahrung schon etwas routinierter ist.

Gerhard Anders gibt einen persönlichen Einblick: "Mir hilft es sehr, mit meiner Familie zu reden, um beispielsweise mit einem Unfall fertig zu werden. Natürlich verschone ich sie aber mit unschönen Details. Schließlich will ich sie nicht unnötig belasten." Bei der Kronacher Polizei sei es außerdem üblich, dass sich die Kollegen Zeit nehmen, um sich gegenseitig nach solchen Extremeinsätzen zur Seite zu stehen.

Stöcker erklärt weiter: "Es ist immer eine Zwickmühle. Wir müssen ordnungsgemäß arbeiten, aber auch wir können unsere Emotionen nicht verdrängen."