cindy dötschel Francisco Varas hat einen Brief von den Behörden bekommen. Was drin steht, weiß er nicht. " Mein Englisch ist besser als mein Deutsch", sagt er. Immer, wenn er einen Brief bekommt, sucht er zunächst panisch nach Eurozeichen. Ohne Dieter Ertel wäre der Chilene aufgeschmissen. "Ich kann ihm jede noch so dumme Frage stellen und mich auf ihn verlassen", sagt Varas.

Die beiden haben sich über das Programm "Gastfreundschaft", das vom International Office der Hochschule Coburg und dem Stadtmarketing organisiert wird, kennengelernt. "Bei einem ersten Treffen in der Hochschule finden alle zusammen, die sich angemeldet haben", erklärt Ertel, der bereits zum vierten Mal teilnimmt. Dass Ertel Varas "Pate auf Zeit wird", habe sich einfach angeboten, weil Ertel in Weitramsdorf lebt und Varas im Nachbarort Weidach zur Miete wohnt.

Langjährige Freundschaften

Wer ein Patenkind aus einer bestimmten Nation möchte, könne auch im Vorfeld einen Wunsch angeben. Alternativ werden die Patenschaften vor Ort bei der Veranstaltung geschlossen. "Bei meiner ersten Anmeldung hatte ich mir einen Nepalesen gewünscht", erzählt Ertel. Danach übernahm er zwei weitere Patenschaft für einen Inder und einen Ghanaer.

Mit dem Inder und dem Nepalesen habe sich eine enge Freundschaft entwickelt: "Der Inder hat mich zu seiner Hochzeit in sein Heimatland eingeladen", berichtet Ertel. Der Einladung sei er natürlich gerne gefolgt. Wie sich die Patenschaft entwickelt, sei unterschiedlich.

Hilfe bei Behördengängen

Gegenseitige Verpflichtungen gibt es nicht. "Der Inder war erst 24 Jahre alt, als er nach Deutschland kam", sagt Ertel. Deshalb hat er auch deutlich mehr Unterstützung benötigt als Varas, der mit 33 Jahren bereits fest im Leben steht: "Francisco hat sich auf eigene Faust gleich ein Auto gekauft, was der Inder beispielsweise nie gemacht hätte."

Varas hat vor allem Unterstützung bei den Behördengängen gebraucht. Er hat einen chilenischen Führerschein, der ihm in Deutschland langfristig nichts bringt. "Die erste Zeit kann Francisco mit dem internationalen Führerschein fahren, dann muss er die deutsche Führerscheinprüfung absolvieren", schildert Ertel. Die Probleme würden bereits bei der Antragsstellung anfangen, denn die Anträge liegen nur auf Deutsch aus. "Als Ausländer sitzt man hier auf dem Schlauch", meint Ertel, gerade für derartige Fälle sei die Gastfreundschaft gut.

Auch neben den Behördengängen standen für Ertel und Varas seit Oktober einige Unternehmungen an: "Wir wollten zusammen nach Seßlach gehen, aber ein Biergarten hatte zu und der andere war voll", erinnert sich Varas. "Stattdessen waren wir dann in Coburg Pizza essen", ergänzt Ertel. Außerdem hat Ertel sein "Patenkind" mit nach Baiersdorf zu dem Konzert einer schottischen Band genommen. Die beiden planen auch einen Ausflug zum Staffelberg, mit einer Bekannten von Ertel, die Varas Muttersprache Spanisch spricht. Eines der größten Probleme, mit denen Varas zu kämpfen hat, ist die Sprache. "Ich war drei Wochen in Mexiko und habe in der Zeit alles vergessen, was ich bisher gelernt habe", erzählt Varas, derzeit ist er auf der Suche nach einem Praktikumsplatz in einem Unternehmen, in dem Englisch gesprochen wird. Sobald er eine Zusage bekommt, möchte er wieder regelmäßig üben. Auch beim Deutschlernen hat Ertel seine Patenkinder unterstützt: "Der Nepalese war dankbar, wenn ich die Nachrichten, die er an mich geschickt hat, korrigiert habe. Der Inder hat oft nach bestimmten Formulierungen gefragt."

Keine Hochzeit in Chile

Ertel bekommt von den Studenten keine Gegenleistung, aber er lernt viel über die einzelnen Nationen. "Auf einer Hochzeit bekommt man wesentlich mehr von der Kultur mit als bei einem Urlaub im Resort", sagt Ertel, der zwischenzeitlich auch zur Hochzeit des Nepalesen eingeladen wurde.

Varas möchte nach seinem Masterstudium nicht nach Chile zurück. "Ich habe in Lateinamerika in großen Städten gelebt. Die kleinen Städte hier in Deutschland finde ich aber besser, um eine Familie zu gründen", verrät er. Er genieße seine Zeit in Coburg sehr und möchte in Deutschland bleiben. "Das klingt nicht so, wie wenn ich eine chilenische Hochzeit mitmachen würde", scherzt Ertel.