Was braucht Kindertheater? Es braucht starke Bilder, tolle Kostüme, Interaktion mit einem so dankbaren und gefesselten Publikum, wie es sonst keines gibt, eine Prise kindgerechten Humor, es braucht Remmidemmi und Action. Was es nicht braucht, ist der erhobene Zeigefinger, damit nur ja pädagogisch Wertvolles rüberkommt.

All diese Ansprüche an gutes Kindertheater erfüllt die "Schneekönigin" von Gunnar Kunz nach dem Märchen von Hans Christian Andersen in der Inszenierung des Bamberger Theaters. Dieses Kunstmärchen des dänischen Fabulierers ist eines seiner komplexesten, mit Binnenerzählungen, Schauerelementen, einer verwickelten Handlung - zumal kleinere Kinder sind da schnell überfordert. Es braucht also eine Straffung, Kürzung, Überarbeitung auch, denn wo im Original eine Bösewichtin sich anschickt, die junge Heldin zu schlachten oder Kutscher von Räubern totgeschlagen werden, möchte man das den Kleinen heute doch nicht zumuten. Obwohl z. B. die Grimm'schen Märchen von solchen Atavismen wimmeln. Doch live auf der Bühne ist das eine ganz andere Nummer.

Es braucht also auch eine brauchbare Bearbeitung. Gunnar Kunz hat sie geliefert, und ein motiviertes Team setzte sie gekonnt fürs E.T.A.-Hoffmann-Theater um. Die Regisseurin Kathleen Draeger-Ostermeier und vor allem Ausstatterin Lina Scheerer sprudelten geradezu über vor Ideen, die die Geschichte vom gefrorenen Herzen des Protagonisten Kay auch für Erwachsene, die sich in ihren nicht gefrorenen Herzen einen Winkel fürs naive Staunen bewahrt haben, durchaus sehenswert machen.

Es ist ja eine Art Stationendrama, die Stationen sind säuberlich abgetrennt durch einen sich senkenden Vorhang. Beginnend mit der Rede des Teufels (Oliver Niemeier, auch als Krähe, hotzenplotzoider Räuber und vor allem Rentier glänzend) von der Bühne herab, dass bei zerbrochenem Zauberspiegel keine Liebe unter den Menschen sei, bis zum zwingenden Happy End vor dem Eispalast der in den Orkus gefahrenen Schneekönigin (Marie-Paulina Schendel in wahrhaft prächtigem Kostüm, auch als Krähenbraut und Räubermädchen) hat die ihren Gefährten Kay (Daniel Dietrich, auch als Prinz) suchende Gerda (Anne Weise) allerhand Abenteuer mit einem Zauberer (Florian Walter, auch als Finnin und Räuberweib), mit einem berlinernden Raben, einem frechen, asozialen Gör und einem lustigen Paarhufer zu bestehen.

Fürs Auge viel geboten

Fürs - wie gesagt nicht nur Kinder- - Auge ist mehr als genug geboten. Das fängt mit überdimensionalen Rosen vor der Häuserfront an, als die Welt von Kay und Gerda noch in Ordnung ist, birgt verblüffende Gags wie die Krähe auf dem Roller oder Nordlichter im Zuschauerraum und findet den Höhepunkt mit einem Schattenspiel, als das Mädchen und das Ren sich durch den unwirtlichen Norden tasten, mit passendem Soundtrack. Also eine beachtliche Leistung nicht nur von Regie und Ensemble, sondern vor allem auch der Technik.

Die Schauspieler, es sind nur fünf mit Mehrfachrollen, spielen beherzt, ja blendend. Allein die Kostümwechsel müssen eine (anstrengende) Kunst sein. Und wie steht's jetzt mit der Moral? Sie darf wie angedeutet nicht triefend daherkommen. Es ist ja die Schneekönigin eine Verwandte des Hauff'schen Holländer-Michels, der geldgierigen Adepten ein kaltes Herz einsetzt, auf dass sie nichts mehr fühlen mögen. Dass Freundschaft mehr wert ist als coole Abgeklärtheit, dürften Kinder begreifen - von den sinnlichen Sensationen abgesehen. Die als authentische Kritiker-Begleitung mitgenommene fünfjährige Emilia jedenfalls war begeistert.