Bastian Sünkel Zu einer eher unerwarteten Zeit klingelt es doch noch am Eingang der Bewährungshilfe. Es ist 10.18 Uhr, der Klient um 10 Uhr ist nicht erschienen. Hans-Peter Jakob sieht auf die Uhr und geht hinaus. Als er die Tür öffnet, dringt eine Mischung aus Rauch und lauter elektronischer Musik in den Flur der Bewährungshilfe Kronach. Ein Mann mit Hund und löchriger Jogginghose steht auf der obersten Stufe und bittet um Hilfe. 10 Euro brauche er für dringend benötigte Medikamente. Bewährungshelfer Jakob sagt ihm freundlich, dass er später noch einmal klingeln soll und geht zurück in sein Büro. "10 Euro - können wir das machen?", fragt er seinen Kollegen Michael Wolff. Er überlegt kurz und nickt. Jetzt hat er auch noch einen Hund, aber kein Geld für Medikamente... Ratlos blicken sich die beiden an. Rund 700 Euro stehen den Bewährungshelfern im Jahr zum Verteilen zur Verfügung, die der Bayerische Landesverband für Gefangenenfürsorge und Bewährungshilfe sponsert.

Im Beruf der beiden Bewährungshelfer kommt es auch vor, dass man nicht helfen kann. Schwierig wird es, wenn ein Proband - so lautet der offizielle Titel der "Kundschaft" in der Bewährungshilfe - psychisch erkrankt ist und auch die Fachkliniken und Therapeuten keine Möglichkeit sehen, weiterzuhelfen. Das sind tragische Fälle mit denen es die Bewährungshelfer Jakob und Wolff zu tun haben. Aber glücklicherweise sind nicht alle Probanden abgeneigt oder unfähig, Beratung und Hilfe anzunehmen.

Hans-Peter Jakob, 63, arbeitet seit 1989 als Bewährungshelfer in Kronach und hat auch nach vielen Arbeitsjahren mit mehr oder minder schwierigen Kriminellen seinen Humor nicht verloren. "Schreiben Sie bitte, dass ich jünger aussehe als 63." Sein Kollege Michael Wolff ist 39 Jahre alt und arbeitet seit November 2017 für das Landgericht Coburg in der Bewährungshilfe Kronach und Lichtenfels. Gerade in diesem Beruf ist es wichtig, Humor und Distanz zu wahren, erklären die beiden. Denn der Bewährungshelfer erhält einen tiefen Einblick in das Privat- und Arbeitsleben seiner Probanden, in psychische Ausnahmezustände und kriminelle Ausrutscher. Die Fälle haben nur eine Gemeinsamkeit, erklärt Jakob. Alle beginnen mit der gleichen Frage: "Wie ist es so weit gekommen?"

So weit gekommen - das heißt, dass ein Mensch sich nicht ans Gesetz gehalten hat, vor Gericht gelandet ist, verurteilt wurde, eventuell im Gefängnis saß und es nun zu seinen Auflagen zählt, regelmäßig die Bewährungshilfe zu besuchen. Dazu zählen Delinquenten, die sich in komplett unterschiedlichen Kontexten strafbar gemacht haben: Drogen. Gewalt. Sexualdelikte. Seit Bewährungshelfer Jakob vor drei Jahrzehnten seine Arbeit in Kronach begonnen hat, sind die Straftaten, die Bewährungsauflagen nach sich ziehen, nicht weniger geworden. Damals, erinnert er sich, hatte er in etwa 50 Probanden zu betreuen. 2020 sind es 69, während sein Kollege Wolff mit 20 Wochenarbeitsstunden in Kronach 30 Klienten betreut. Von den knapp 100 Probanden bedürfen etwa ein Drittel intensiver Betreuung und ein Drittel normaler. Das letzte Drittel erfülle die Bewährungsauflagen ohne größere Probleme, bilanziert Bewährungshelfer Jakob.

Eine stabile Erfolgsquote

Hans-Peter Jakob erklärt, dass sich auch an der Erfolgsquote nur wenig geändert habe. Etwa Zwei Drittel der Probanden durchlaufen die Bewährungszeit mit einem positiven Endergebnis. Etwa ein Drittel erfüllt die Auflagen des Gerichts nicht. Die beiden Bewährungshelfer sind Beamte, dem Landgericht Coburg zugeordnet. Sobald ein Proband regelmäßig gegen die Auflagen verstößt, sind sie dazu verpflichtet, dem Richter Meldung zu erstatten. In einigen Fällen lassen sich die Verstöße gegen die Auflagen sogar nachvollziehen, sagt Bewährungshelfer Jakob. Doch das entscheidet der Richter bei der abschließenden Anhörung. Scheitert der Proband, geht es normalerweise zurück in die Justizvollzugsanstalt. "Die meisten Probanden kennen den Unterschied zwischen der sanktionierenden Seite und uns Bewährungshelfern", sagt Jakob. Es geht tatsächlich darum, den Verurteilten zu helfen und sie wieder auf die richtige Bahn zurückzubringen, damit sie nicht mehr straffällig werden. "Das ist vergleichbar mit einer Hausarztpraxis", sagt er. Nach dem Vorsprechen versuchen die beiden Bewährungshelfer ihre Probanden an die Spezialisten weiterzuleiten - in den Drogenentzug, zu Therapeuten, Schuldnerberater und anderen Einrichtungen. Bei Verschuldung kann auch der Bewährungshelfer bei der Erstanalyse helfen, sagt er.

Ein beunruhigender Trend

Doch einen beunruhigenden Trend hat Bewährungshelfer Jakob tatsächlich in den vergangenen Jahren bemerkt. "Im Vergleich zu früher gibt es wesentlich mehr junge Menschen mit multiplen Störungen." Sein Kollege Wolff nennt den Grund: "Crystal Meth ist ein Dreckszeug!" Früher habe Jakob Probanden gehabt, die sich klar einem Kriminalitätsbild zuordnen ließen: Diebe, Drogenhändler, Gewaltverbrecher. Mittlerweile tauchen mehr Jugendliche mit ganz unterschiedlichen Delikten und psychischen Krankheiten auf, die seiner Meinung nach vor allem die chemische Droge Crystal Meth und die Unberechenbarkeit synthetischer Cannabinoide - auch Spices oder Badesalze genannt - verursachen. Seit diese Drogen ihre Kreise von Ost nach West ziehen, haben es die Bewährungshelfer häufiger mit Menschen zu tun, die physisch und psychisch kaputt seien, erklären die beiden. Wächst das Problem immer noch? Zur Zeit stagnieren die Fälle, überschlägt Wolff. Doch man merkt beiden an, dass jedes Drogenopfer eines zu viel ist.

Beide sagen, dass es wichtig sei, eine gesunde Distanz zu seinem Beruf zu wahren, gerade weil sie es den ganzen Tag mit extremen Lebensgeschichten zu tun haben. Das gelinge den beiden Kollegen gut, erklären sie. Nur manchmal schleppe man einen Fall mit ins Wochenende, sagt Jakob, vor allem wenn Kinder betroffen sind. Noch etwa ein Jahr bleibt ihm bis zur Rente. Bis dahin wird wohl auch seine Frau damit leben müssen, dass man Beruf und Freizeit nicht immer trennen kann: "Meine Frau sagt, mit mir kann man ja kaum aufs Kronacher Freischießen gehen, wenn alle, die uns grüßen, eine kriminelle Vergangenheit haben", sagt er lächelnd.