Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde;

wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennet sie nicht mehr. (Psalm 103)

Auch wenn sich der Trend zu anonymen Bestattungen verstärkt, auch wenn sich manche "in aller Stille und im engsten Familienkreis" verabschiedet haben - manche sogar so "still", dass nicht einmal die engsten Nachbarn irgend etwas wissen - wir als Kirche und Gemeinschaft stehen zu unseren Verstorbenen und zu den Angehörigen. Denn wir sind alle Angehörige, sind einander Brüder und Schwestern, im Leben und im Sterben verbunden. Wir sitzen alle "im gleichen Boot". Wir versuchen, dass niemand bei uns anonym, also ohne Namen, bleibt. Wir versuchen, die Menschen wahrzunehmen: In den freudigen Zeiten wie Geburt und Hochzeit, aber auch in den traurigen Zeiten wie Krankheit und Sterben. Ich will dazu eine kleine Begebenheit erzählen.

Ich wurde zu einer Sterbenden gerufen. Ich kenne die Familie schon lange. Als ich in das Sterbezimmer kam, in dem vor ein paar Jahren auch schon ihr Mann verstarb, trat ich zu der alten Dame. "Mutter, der Pfarrer ist da!" Ob sie den Satz ihres Sohnes gehört hatte? Jedenfalls tat sie einen tiefen Atemzug - und wir merkten, dass dies ihr letzter war. Wir feierten mit der Mutter und Großmutter, die langsam, von den Händen an, kälter wurde, den kleinen Gottesdienst zur Aussegnung. Wir sangen ein Lied, beteten das Vaterunser und sie erhielt den Sterbesegen und das Zeichen des Kreuzes auf die Stirn, mit folgenden Worten:

Nimm hin das Zeichen des Kreuzes +, Du gehörst Christus dem Gekreuzigten.

Nimm hin das Zeichen des Kreuzes +, Du gehörst Christus, dem Auferstandenen.

Nimm hin das Zeichen des Kreuzes +, In diesem Zeichen besiegst du den Tod.

Es ist sicherlich sinnvoll, auch Menschen, die nicht vor Ort sind, die Beileidsbekundung via Internet und QR-Code zu ermöglichen. Aber wir als Gemeinschaft, von Gott gerufen und getragen, setzen auf persönliche Nähe, auf Händedruck und eine christliche Kultur, in der Menschen einen Namen haben. An diese Namen erinnern wir am morgigen Ewigkeitssonntag in unseren Gottesdiensten. Alle Verstorbenen des Jahres werden verlesen, manchmal sogar mit Bildern von ihnen, wir erinnern uns nicht einsam, sondern gemeinsam an die, die uns vorausgegangen sind. Denn wir alle sind von Gott ins Leben gerufen, wir alle treten wieder vor seinen Thron. Alle. Ohne Ausnahme. Auf der Friedhofsmauer meines Heimatdorfes steht, zur Straße hin zu lesen, folgender Satz: "Alle, die Ihr vorüber geht, sehet, wie es um uns steht: Was Ihr seid, das warden wir. Was wir sind, das werdet Ihr.

Gott hat uns aneinander gewiesen, damit wir das Leben miteinander leben. Und damit wir uns auch im Sterben und in der Trauer nicht alleine lassen.

Ihre Stätte kennet sie nicht mehr? Mag sein. Aber ihre Kirche kennet sie.

Heinrich Arnold ist evangelischer Pfarrer in Untersiemau.