Gehackt, gegraben und geklopft wurde in diesen Tagen an verschiedenen Straßenrändern im Landkreis. Zum Auftakt der Krötenwandersaison stellten an elf verschiedenen Stellen Bauhofmitarbeiter, Gartenbaufirmen oder freiwillige Helfer kniehohe Zäune auf, um die Tiere vom Überqueren der Straße abzuhalten. Die längsten Zäune im Landkreis messen etwa einen halben Kilometer. So auch der in Schirradorf, wo vergangenes Jahr 2262 Kröten über die Straße getragen wurden, allesamt von den Schwestern Christine Görl (40) und Petra Kolb (34) und deren Familien. "Wir werden jetzt jeden Tag morgens und abends den Zaun kontrollieren, wenn nötig bis Mitte April", erklärt Görl.

Die Kröten, für die der Zaun ein Hindernis darstellt, wandern so lange daran entlang, bis sie in einen der Eimer fallen, die hinter dem Zaun im Erdboden eingelassen sind. 30 solche Eimer sind es, die die freiwilligen Betreuerinnen des Schirradorfer Krötenfangzauns überprüfen müssen. Die Kröten sammeln sie dann ein und tragen sie zu den Weihern auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Die Aufgabe beansprucht mehrere Stunden pro Tag.

Görl erklärt, warum sie und ihre Schwester sich im Jahr 2013 entschieden haben, ehrenamtliche Krötenretter zu werden: "So viele wurden überfahren. Wir konnten das einfach nicht mehr mitanschauen." Gemeinsam nahmen die Frauen Kontakt mit der Unteren Naturschutzbehörde am Kulmbacher Landratsamt auf und boten ihre Hilfe an. Mit offen Armen wurden sie vom Organisationsteam der "Aktion Amphibienschutzmaßnahmen" in Kulmbach aufgenommen, denn "die Aktion an Straßen mit Hilfe von Fangzäunen steht und fällt mit der Unterstützung und Anzahl durch freiwillige Zaunbetreuer", teilt Hans-Jürgen Pohl von der Unteren Naturschutzbehörde mit. Er koordiniert das Aufstellen der Krötenzäune in enger Zusammenarbeit mit Monika Winkler vom Bund Naturschutz in Bayern (BN) und Erich Schiffelholz, dem Vorsitzenden der Kreisgruppe des Landesbunds für Vogelschutz (LBV).

Schiffelholz zufolge gibt es jedes Jahr vor Beginn der Krötenwandersaison eine Einsatzbesprechung - dieses Mal coronabedingt in Form einer Telefonkonferenz. "Wir besprechen, was in den vergangenen Jahren gut gelaufen ist oder, wo wir etwas anders machen müssen", so Schiffelholz.

Ein Problem, das die Amphibienschützer beschäftigt, sei die Frage, was man den Autofahrern raten sollte, wenn es die Kröten trotz der Zäune auf die Straße schaffen. Denn auch die aktuelle Geschwindigkeitsbeschränkung auf 50 Kilometer pro Stunde könne den Tieren zum Verhängnis werden. "Die Lungen der Kröten platzen durch den Luftsog unter dem Auto", erklärt Schiffelholz. Dieses sogenannte Barotrauma kenne man von Fledermäusen, die zu nahe an Windkraftanlagen vorbeifliegen.

Lediglich bei Geschwindigkeiten noch unter 30 Kilometer pro Stunde würden die Tiere keinen Schaden nehmen. Eine Geschwindigkeitsreduktion auf den betroffenen Straßen von regulär 100 Kilometer pro Stunde auf unter 30 ist jedoch laut Auskunft eines Sachbearbeiters für Verkehrswesen am Kulmbacher Landratsamt kaum umzusetzen: "Ohne sichtbares Hindernis lässt die Bereitschaft der Autofahrer, die Geschwindigkeit zu reduzieren schon nach wenigen Tagen nach." Immerhin gehe es hier auch um die Sicherheit für die freiwilligen Helfer. Daher habe man sich für die Reduktion auf 50 Kilometer pro Stunde entschieden. Diese würde auch über mehrere Wochen hinweg von den meisten Autofahrern eingehalten.

Wie sollte man sich nun aber verhalten, wenn eine Kröte auf der Straße sitzt? Slalomfahren gefährdet den Verkehr und plötzliches Bremsen auch. "Wer wegen eines Kleintieres stark bremst, der begeht eine Ordnungswidrigkeit, wenn es dadurch zur Beeinträchtigung der Verkehrssicherheit kommt", erklärt Markus Lang, Verkehrssachberater der Polizeiinspektion Kulmbach. Problematisch könne das werden, wenn dadurch beispielsweise ein Auffahrunfall geschieht. Er rät daher in den Krötengebieten "behutsam, vorsichtig und mit Augenmerk" zu fahren und damit zu rechnen, dass der Vordermann bremsen könnte. Auf jeden Fall gelte es, den Sicherheitsabstand einzuhalten und gegebenenfalls leicht zu erhöhen.

Rekordjahr 2016

Trotz der Tatsache, dass jedes Jahr zahlreiche Kröten bei ihrer Wanderung dem Verkehr zum Opfer fallen, kann das Team der "Aktion Amphibienschutzmaßnahmen" im Landkreis Kulmbach Erfolge verbuchen. Hans-Jürgen Pohl teilt mit: Die Anzahl der geretteten Amphibien beträgt für das Jahr 2020 genau 5019. Rekordjahr war bisher 2016 mit 8589 Exemplaren. "Der weit überwiegende Anteil an Amphibienarten, die umgesetzt werden, besteht aus Erdkröten, als Beifänge sind jedoch auch immer wieder Grasfrösche und verschiedene Molcharten dabei."

Das weiß zum Beispiel auch die sechsjährige Helferin Salome Görl aus Schirradorf. Am liebsten kümmert sie sich um die Molche, die aussehen wie kleine, weiche Eidechsen. Aber eklig seien auch die Kröten nicht, "nur ein bisschen kalt wenn man sie anfasst."

Freiwillige gesucht

Monika Winkler vom BN betont, wie wichtig die Freiwilligenarbeit für den Erfolg der Amphibienschutzmaßnahmen im Landkreis ist. Vor allem an den Zäunen in Leuchau, Lindau, Fohlenhof und Stadtsteinach würden noch weitere Betreuer für die Krötenzäune gesucht. Interessierte können sich melden beim Amphibienbüro des BN (Telefon: 09221/74531). Unter dieser Nummer können auch Meldungen zu noch unbekannten Krötenwanderstrecken abgegeben werden.

Die Erdkröte gilt noch nicht als gefährdet. Erich Schiffelholz vom LBV erklärt, warum die Schutzmaßnahmen dennoch wichtig sind: "Ich denke, dass wir die Zusammenhänge nicht bis ins Kleinste kennen müssen, um ein Tier oder eine Pflanze als wertvoll zu betrachten." Im Fall der Amphibien wisse man mittlerweile, dass die Bedrohung durch den Bau von Straßen, das Trockenlegen von Lebensbereichen (und damit auch Entzug der Nahrungsgrundlagen) und auch die fortschreitenden Klimaerwärmung wachse. Es gehe um Verantwortung. "Vielleicht bremsen wir durch unsere Maßnahmen nur den Rückgang", so der Amphibienschützer. Doch könne man nicht tatenlos zusehen, wie alljährlich Tausende von Tieren überrollt werden.