Bastian Sünkel Matthias Vetter fasst sich kurz. Gerade als der Landwirt und Waldbesitzer aus Steinbach am Wald herausfährt, zeigt er auf das Braungrün des Frankenwalds: "Der Wald leidet." Es ist nicht schwer zu erkennen, dass er damit nicht nur die Bäume meint, sondern auch sich selbst.

Auch die Waldbesitzer leiden. Sie räumen den Wald aus, Baum für Baum, in dem der Borkenkäfer seine Eier abgelegt hat. Doch diese Bäume muss er erst finden. Oft kommen die Waldbesitzer mit dem Abholzen in unzugänglichen Abschnitten nicht nach. Vor und in den Wäldern türmen sich die Stämme. Die Sägewerke sind voll. Der Borkenkäfer macht sich mit einer Geschwindigkeit breit, dass der Bayerische Bauernverband von einer drohenden "Katastrophe" spricht, und auch der Behördenleiter des Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Stadtsteinach malt ein drastisches Bild der Situation: "Der Käfer ist überall: in den Haaren, in der Kleidung." Behördenleiter Michael Schmidt hat es im April am eigenen Leib erfahren, als der Käfer zuletzt ausgeschwärmt ist.

Waldbesitzer, Ämter und auch der Bauernverband arbeiten gegen die Zeit: In den nächsten zwei Wochen werden die Käfer wieder ausschwärmen. Jeder Baum mit Schädlingen, der bis dahin nicht aus dem Wald geschleppt ist, wird das Problem verschlimmern. Erwin Schwarz, Obmann des Bayerischen Bauernverbands im Kreis Kronach, hat deshalb seine Pressemitteilung drastisch formuliert. Er schreibt von der "Katastrophe im Wald". Er dankt den Waldbesitzern für ihren Einsatz, warnt aber auch davor, dass dieser mit den steigenden Kosten im Kampf gegen den Borkenkäfer enden könnte. Der Holzpreis ist auf einem Tiefpunkt, die Wiederaufforstung sei teuer und kompliziert und in dem 80 Millionen Euro schweren Unterstützungspaket des Freistaats ist der Einsatz von chemischen Mitteln nicht vorgesehen. Erwin Kreisobmann Schwarz fordert deshalb ein Umsteuern. Der Einsatz der Insektizide müsse "schnell und unbürokratisch auf allen Flächen, inklusive Acker- und Grünland, möglich sein, ebenso die Verwendung im stehenden Waldbestand". Es sei eine Ausnahmesituation, ähnlich wie das Coronavirus, sagt er. Sägewerke, fordert der Kreisobmann, müssten statt osteuropäisches heimisches Holz annehmen - auch wenn er regionale Säger hierbei als "vorbildlich" bezeichnet. Die Regierung müsse außerdem ohne Denkverbote "Zuschüsse, Ankaufprogramme, Räumungsprämien, Bürgschaftsprogramme, Kreditprogramme" als weitere Optionen prüfen, um nicht die Arbeit von vielen Generationen kaputtgehen zu lassen.

Ministerium besorgt um den Wald

Die Situation im Frankenwald sei "besorgniserregend", bestätigt auch das Landwirtschaftsministerium in München auf Nachfrage des FT. Auch im östlichen Niederbayern und in Teilen Unterfrankens sei die Gefahr hoch, dass das Borkenkäfergeschehen heuer massive Ausmaße erreicht. "Alle Waldbesitzer sind aufgerufen, ihre Wälder jetzt intensiv zu kontrollieren und alle zugelassenen Maßnahmen zur Bekämpfung auszuschöpfen." Doch den Einsatz chemischer Mittel bezeichnet das Ministerium als "Ultima Ratio". Eine zusätzliche Förderung schließt es deshalb aus. Erwin Schwarz ist damit nicht zufrieden. Er fordert "drastischere Maßnahmen", weil der "chemiefreie Einsatz bislang nicht die gewünschte Wirkung" gezeigt habe.

Klaus Müller-Gei formt seine Hände, als würde er einen unsichtbaren Gegner würgen. So könne man sich den Blaustich vorstellen, den der Borkenkäfer auf befallenem Holz hinterlässt. Blau wie die Hautverfärbung, die sich bildet, wenn einem Menschen die Luft ausgeht. Passiert das einem Baum, ist das Holz nicht mehr für Oberflächen geeignet und der Preis sinkt. Klaus Müller-Gei ist einer der beiden Geschäftsführer des gleichnamigen Sägewerks in Wallenfels und auch er kann mit den Waldbauern mitfühlen, die sich über den schlechten Preis und die Überfüllung der Sägewerke beklagen: "Es tut immer weh, jemandem absagen zu müssen." Den Preis bestimmt der Markt und wegen des Überangebots, ausgelöst durch den Kahlschlag, sind die Preise im Keller. Er beziehe sein Holz eh schon nur aus der Region, aus einem Radius von geschätzt 50 Kilometern um Wallenfels herum bis nach Thüringen, verrät der Geschäftsmann.

Waldbesitzer Vetter fährt ein Stück tiefer in den Forst hinein. Er besitzt rund 20 Hektar Waldfläche in der Region und stoppt an einer der vielen Kahlflächen, die als Lücken im Dickicht klaffen. In den 1930er Jahren hat seine Familie die Fläche mit Fichten bestückt. Die hätten auch noch ein bisschen stehen bleiben können - wäre der Borkenkäfer nicht über sie hergefallen. Für den Festmeter Fichtenholz habe er zuletzt gerade einmal 31 Euro bekommen, berichtet er. Vor zwei Jahren war es noch das dreifache. Neben den Wurzelstöcken liegen zwei Haufen Hackschnitzel, die den Landwirt ärgern. Statt den Energieträger zur Energiegewinnung zu nutzen, zerhäckseln die Waldbesitzer ihr Holz und blasen es in den Wald zurück, weil sie oft keine andere Möglichkeit haben. Der Borkenkäfer ist damit besiegt, aber Wert und Sinn des Holzes liegen als ein Haufen Verschwendung auf dem Waldboden.

Rote Fläche: Frankenwald

Die Landesanstalt für Wald- und Forstwirtschaft zeigt auf einer Online-Karte Bayerns ein Borkenkäfermonitoring: Der Frankenwald ist auf der Karte rot markiert. Kein gutes Zeichen. Es ist von einer "Gefährdungsstufe" die Rede. Eine schnelle Ausbreitung der Borkenkäferarten Buchdrucker und Kupferstecher wird erwartet.

Behördenleiter Michael Schmidt hat sich den Wald mit Hilfe einer Drohne von oben angesehen. Auch er kommt zu dem gleichen Schluss: Das nächste Ausschwärmen der Schädlinge in etwa zwei Wochen könnte fatale Folgen haben. "Wir sind in einer Massenvermehrung, die auch nicht durch Regen gestoppt wird." Der Borkenkäfer ist das Symptom. Die Krankheit ist der Klimawandel und die damit verbundene Trockenheit. "Die Waldbesitzer bekommen als erste die Rechnung für den gesamtgesellschaftlich verursachten Klimawandel", sagt Schmidt.

Ist der Insektizid-Einsatz also die letzte Lösung? Michael Schmidt sagt, dass die Bezuschussung eine politische Entscheidung sei. Der Einsatz sei aber erlaubt. Für die Biene sei das zugelassene Mittel Fastac Forst nicht gefährlich und es baue sich schnell ab, erklärt Michael Schmidt. Allerdings dürfe das Mittel nicht in der Nähe von Gewässern eingesetzt werden, weil es für die Fische tödlich sei. Waldbesitzer Vetter schließt sich der Meinung des Bauernverbands an: Will man den Borkenkäfer besiegen, führt kein Weg am Einsatz der Insektizide vorbei. An den Baumstämmen, die im und am Wald liegen, werde das Mittel bereits eingesetzt. Ohne Chemie müssten die Stämme mindestens 500 Meter außerhalb gelagert werden.

Der Frankenwald bestehe zu rund 80 Prozent aus Fichten, erklärt Michael Amtsleiter Schmidt. Über Jahrzehnte war die Fichte der "Brotbaum" der Waldbesitzer. Sie wächst schneller, gerader und benötigt weniger Pflege als zum Beispiel die Kiefer. Sie kommt relativ gut auf dem mineralstoffarmen Frankenwaldboden klar. Der Fichtenstamm kann bis zu 80 Prozent zu wertvollem Bauholz verarbeitet werden. Bei der Eiche sind es höchstens 50 Prozent. All das sind Gründe, die dazu geführt haben, dass sich mit der Flößerei, dem Bergbau und der boomenden Nachkriegsholzwirtschaft der Frankenwald zu einer Monokultur entwickelt hat. Bei Kälte und Regen sei das unproblematisch. Doch bei andauernder Trockenheit hat der Borkenkäfer leichtes Spiel.

Die Umforstung hat bereits eingesetzt. Doch welche Baumart der "Zukunftsbaum" für den Frankenwald wird, kann auch Behördenleiter Schmidt nicht beantworten. Es gebe einfach keine Sicherheit, wie sich das Klima entwickeln werde. Derzeit experimentieren Waldbesitzer mit Eichen, Douglasien, mit Buchen, sogar mit der Zeder. "Die Waldumstrukturierung ist eine Generationenaufgabe." Bis dahin gelte es, so viele Bäume wie möglich zu retten.