Ein russischer Panzer überquert die Grenze in den Westen - eine Schreckensnachricht im Kalten Krieg. Nahe dem unterfränkischen Ort Weimarschmieden wurde das Schreckensszenario am 24. Dezember 1962 Realität. Doch der vermeintliche russische Einmarsch verlief glimpflich, lediglich 750 Meter drang der russischen Panzer in die Bundesrepublik vor. "Dann sind sie auf Leute vom Zoll gestoßen, die ihnen erklärt haben, dass sie im Westen gelandet sind", sagt Polizeioberkommissar Erwin Ritter von der Bundespolizei in Oerlenbach - damals noch Bundesgrenzschutz (BGS). Hinter dem kuriosen Ereignis verbarg sich allerdings keine militärische Aggression oder ein Fluchtversuch, sondern eine orientierungslose russische Panzerbesatzung. Diese legte nach dem Hinweis des Zolls den Rückwärtsgang ein und kehrte um.

Minen und Souvenir-Jäger

Nicht immer verliefen die Zwischenfälle an der innerdeutschen Grenze so "entspannt". Im Zeitraum von September 1946 bis Juli 1978 sind 14 Todesfälle mit Grenzbezug für den Bereich der unterfränkisch-thüringischen Grenze bekannt. Einige starben durch perfide Waffen: Minen. "Zunächst waren das Stockminen", erklärt Ritter, der selbst Dienst an der innerdeutschen Grenze geleistet hat. Das sind Sprengkörper, die sich auf einem Holzstab befinden. Ausgelöst wurden die Minen durch einen Stolperdraht. Durch den Bewuchs waren sie für das Auge bald unsichtbar. Später verlegten die Grenztruppen der DDR Holzkastenminen und letztlich Plastikminen im Boden. "Mit dem, was man aus Hollywoodfilmen kennt, hat das nichts zu tun." Darauf stehen bleiben, um die Explosion nicht auszulösen, funktioniert nicht. "Sobald ein Mensch auf die Mine tritt, explodiert sie", erklärt Ritter. Wie gefährlich die Sprengsätze sind, weiß der Polizeioberkommissar nur zu gut. Als die Grenztruppen den Zaun umbauten, mussten sie dafür Minen räumen. "Ein Pionier ist auf eine Mine getreten, die Explosion hat ihm den Fuß abgerissen. Die Stiefelspitze hat es 30 Meter auf Bundesgebiet geschleudert." Eine Streife des BGS beobachtete den Unfall. Weitere Informationen darüber erhielt der BGS schon zwei Wochen später, als ein Unteroffizier in den Westen floh und im Verhör detaillierte Aussagen machte.

Aber nicht nur Streifendienst, sondern genauso Besucherführungen und im Herbst 1989 Befragungen von Flüchtlingen waren Teil seines Alltags, ebenso wie reguläre Ermittlungen. "Die DDR-Staatswappen auf den Grenzpfählen waren bei Souvenir-Jägern beliebt", erinnert er sich. "Für uns war das eine Landesgrenze und keine Staatsgrenze, deshalb haben wir ermittelt", erklärt der 58-Jährige. Die DDR reagierte schnell: "Man hatte es raus, dass die Pfähle selbst nach einem Diebstahl schnell wieder gut aussahen." Die Grenze hat Ritter als Dauerbaustelle in Erinnerung. "Noch im Herbst 1989 hat die DDR an den Sperranlagen gearbeitet." Sie sollten noch undurchdringbarer werden. Um das zu erreichen, plante die DDR Anfang der 80er Jahre, Selbstschussanlagen zunehmend tiefer ins Hinterland zu verlegen. Eine Musteranlage dafür gab es bereits, etwa beim Grenzübergang nahe dem unterfränkischen Ort Eußenhausen.

Der Dienst an der Grenze war geprägt vom Sehen, nicht jedoch vom Hören, denn Gespräche mit den Grenzern waren selten. Bei Ritter sorgt das noch heute, 30 Jahre danach, für Kopfschütteln: "Menschen, die die gleiche Sprache sprechen und die gleiche Kultur haben, durften nicht miteinander reden." Lediglich zwei bis drei Mal sei es zu einem Gespräch gekommen, erinnert er sich. Und das, obwohl es den Grenztruppen eigentlich verboten war, mit dem BGS zu sprechen. Die Themen: Fußball oder das Wetter. Häufiger kam es dagegen zu verstohlenen Handzeichen. Im Gedächtnis geblieben ist Ritter vor allem die Wende. "Am 9. November haben wir uns noch durch das Fernglas gegenseitig beobachtet und einen Tag später dann die Hand gereicht. So schnell fallen Feindbilder in sich zusammen." Am 1. Juli 1990 um 10 Uhr stellte der BGS schließlich die Grenzüberwachung ein. Bei der letzten Grenzstreife in der Rhön war Ritter dabei. "Da hat mir ein Grenzsoldat eine DDR-Fahne geschenkt. Die habe ich noch heute - das ist meine persönliche Erinnerung an den Tag." Johannes Schlereth