Der obere oder Lichtenfelser Torturm in Staffelstein wurde 1823 abgerissen. Bemerkenswert ist, wie dieser Abbruch vonstatten ging. Hierüber informieren ein Eintrag in einem städtischen Protokollbuch sowie eine Notiz des Maurers und Musikers Andreas Tischler (1767-1835) aus Neubanz.

Der Torturm ähnelte dem Oberen Torturm in Lichtenfels. Aber anders als dieser hatte er eine Durchfahrt. Er geht wohl auf das 15. Jahrhundert zurück. Sein oberstes Geschoss barg eine Wohnung für den Türmer, der über die Stadt wachte, und seine Familie. 1705 klagte der Türmer dem Stadtrat, "wie daß er Leib und Lebenß unsicher uff dem allzu ruinosen obern Turn seye". Kürzlich beim "grosen Windt" habe er sich aus Sorge, "es würde der Turn übern Hauffen fallen", um Mitternacht "sambt seinem Weib und Gesellen" in ein benachbartes Bürgerhaus geflüchtet. Auch der Stadtrat befand, der Turm sei "ruinos" und nicht mehr zu reparieren.

Der Schlotfeger wage nicht mehr hinaufzusteigen, um den Schornstein zu reinigen. Es sei "höchstnothwendig", ihn abzutragen und von Neuem aufzubauen. Dies geschah wohl 1706. Nach gut einem Jahrhundert war der Torturm erneut in denkbar schlechtem Zustand. "Der obere Thurm in Staffelstein, worauf der Thürmer wohnt, ist sehr baufällig", konstatierte 1823 das für Staffelstein zuständige Landgericht Lichtenfels.

Der Stadtmagistrat machte für den Zustand des Bauwerks die Transporte während der Napoleonischen Kriege verantwortlich: Der Turm sei "durch das schwere Fuhrwerk in den Kriegszeit zu sehr erschüttert", und man habe die Mängel nicht sogleich behoben. "Die Meinungen sind [...] getheilt, ob er nothwendig eingelegt werden muß oder noch zu einer dauerhaften Reparatur geeignet ist. Der Magistrat ist sehr nachläßig, und hat sich nach mehreren Aufforderungen weder zu Einem noch zu dem Andern erklärt."

Doch jetzt müsse, nicht zuletzt wegen einer geplanten Reise des bayerischen Königs Maximilian I. Joseph, etwas geschehen. Der Stadtmagistrat gab zu verstehen, dass er die Erhaltung "sehnlichst" wünsche. Doch die Kostenschätzung des Bamberger Landbaumeisters Johann Eck fiel so hoch auf, dass die Reparatur für den notorisch leeren Stadtsäckel nicht zu finanzieren war. Es blieb der Stadt nichts anderes übrig, als den Turm abzubrechen. Man ließ Gerüste aufstellen, um den Bau von oben her abzutragen. Während noch die Holzgestelle aufgebaut wurden, stürzten zwei Wände des obersten Geschosses ein. Die Turmhaube "stand auf zwey Wänden". Jegliche "Handanlegung" war nun unmöglich geworden. Man zog mehrere Bausachverständige hinzu, doch keine wusste Rat. Sicherheitshalber stützte man - falls nicht schon früher geschehen - den Turm durch hölzerne Balken ab. Zwei Flößer aus Marktzeuln machten sich daran, den Turm "mittelst einstossen mit Floßholz" zum Einsturz zu bringen. Doch trotz zweitägigen Einsatzes dieses Rammbocks fiel der Turm nicht um. Auch ein "Versuch mit Pulversprengen" scheiterte offenbar.

Haus unter sich begraben

Da der Turm sich als derart standfest erwiesen hatte, scheint man nochmals versucht zu haben, ihn von oben her abzutragen. Die Gesellen des Zimmermeisters Johann Weiß († 1830) bestiegen am 13. Mai 1823 das Gerüst, um das Dachgebälk zu bergen. Gegen 16 Uhr, als sie wohl schon geraume Zeit arbeiteten, bemerkte der zusehende Maurer Andreas Weber (1781-1848), der letzte Vertreter eines bedeutenden Baumeistergeschlechts, an einem "angesezten Steuper" (einem Stützbalken), das der Einsturz bevorstehe. "Geschwind, geschwind herunter, der Thurm falt ein", schrie er. Die Zimmergesellen brachten sich eilends in Sicherheit, und schon stürzte der Turm in sich zusammen. Er begrub ein benachbartes Haus unter sich. Die Stadt entschädigte den Eigentümer mit 411 Gulden. Immerhin kam aber kein Mensch zu Schaden. Die Zimmerleute verdankten ihr Leben dem zufällig hinzu gekommenen Maurermeister Weber.

Der letzte Türmer und Stadtmusiker, der den Oberen Torturm bewohnt hatte, war Andreas Bäumel (1783-1843) aus Scheßlitz, der Angehörige einer Türmerfamilie. Nach dem Abbruch seines "Dienstsitzes" zog er in den Unteren Torturm. 1836 erfuhr Georg Fröba, dass das Lichtenfelser Tor nicht mehr stand. Er war 1791 als Sohn und Enkel eines Türmers darin zur Welt gekommen; nun lebte er als Stadtmusikus in der nordfranzösischen Hafenstadt Cherbourg. Von dort schrieb er an seine Nichte, die in Lichtenfels wohnte: "Mit Betrübniß habe ich geleßen, daß mein Geburtshauß, der Turm in Staffelstein, abgerissen ist, denn schon mehrere Nächte habe ich nicht schlaffen können, was mir so leit hate gethan, sollte ich nach Hauß kommen, so kann ich nicht mehr sagen, hir ist der Turm, wo ich gebohren bin, welches mir sehr leit wird."