Nach dreimonatigem Marathon-Prozess um die Messerattacke im Herzen von Würzburg verschwimmen die Eindrücke des Gesehenen, Gesagten und Unsagbaren wie ineinanderfließende Aquarellfarben - und fügen sich dennoch zu einem Bild zusammen. Was bleibt, lässt sich mit nackten Zahlen nur teilweise erfassen: Drei heimtückisch von hinten erstochene Frauen in einem Kaufhaus, sechs teils fürs weitere Leben gezeichnete Verletzte, die arglos den Weg des Täters auf dem belebten Barbarossaplatz mit Banken, Läden und Lokalen gekreuzt hatten, Spekulationen über einen Terrorakt, die sich mit nichts belegen ließen.

Im Fokus steht ein Mann aus Somalia, der gehofft hatte, aus der Hölle von Mogadischu ins paradiesische Würzburg zu kommen. Sein Traum ging nicht in Erfüllung, er wurde krank im Kopf - und griff zum Messer. Er tötet am 25. Juni 2021 drei Frauen in einem Würzburger Kaufhaus. In den Minuten nach den tödlichen Angriffen hetzt er auf dem Barbarossaplatz weiteren Passanten mit gezücktem Messer hinterher und sticht aus heiterem Himmel auf sie ein. Männer und Frauen stellen sich dem Täter in den Weg. Ein Polizist setzt dem Schrecken schließlich mit einem Schuss in den Oberschenkel des Angreifers ein Ende.

Eine Stimme befahl es

Warum die Toten und Verletzten? Weil es ihm eine Stimme befohlen hätte, wird der damals offenbar 31-Jährige später sagen. Aber warum? "Wir werden die Frage nach dem Warum wahrscheinlich nie beantworten können, weil die Taten keinen Grund und keinen Sinn haben", sagt der Vorsitzende Richter Thomas Schuster bei der Urteilsverkündung am Dienstag. Eine Transmitterstörung im Gehirn eines psychisch kranken Menschen.

Am 22. April beginnt am Landgericht Würzburg das Sicherungsverfahren gegen den Messerangreifer. Ist der barfüßige Mann auf den Bildern, der mit erhobenem Messer Passanten über den belebten Platz hetzt, der gleiche Mensch wie der apathische Kerl, der den Prozess fast reglos über sich ergehen lässt und wie ferngesteuert von Polizisten in und aus dem Saal geführt wird? Zweifelsohne, allerdings scheint die medikamentöse Behandlung anzusprechen.

Keine Resonanz beim Angeklagten

Dolmetscherin Fatuma Osman Schinz kennt das Schicksal von Flüchtlingen aus Somalia aus eigener Anschauung. Sie übersetzt tapfer für den Beschuldigten Tag für Tag jedes Wort ins Somalische und kann einem manchmal leid tun: Es wirkt oft, als rede sie gegen eine Wand.

Was bleibt haften von der strapaziösen Wahrheitssuche? Das Gericht wertet die Taten unter anderem als dreifachen Mord, versuchten Mord in fünf Fällen und versuchten Totschlag in fünf Fällen. Selten spielten Videos eine so zentrale Rolle bei der Aufklärung eines Verbrechens vor Gericht. Sie seien von "unbarmherziger Präzision" gewesen, betonte Vorsitzender Thomas Schuster in seiner einstündigen Urteilsbegründung.

Da waren beispielsweise die verwackelten Handybilder bei der Festnahme: Der Polizist kniet auf dem Rücken des Mannes, der nun - wie eine abgeschaltete Maschine - auf dem Pflaster liegt, umringt von Menschen, die ihm ihre Abscheu ins Gesicht schreien.

Für Fassungslosigkeit unter den Zuschauern im Gerichtssaal sorgt die gefilmte erste Vernehmung des angeschossenen Abdirahman J. am Krankenbett, wenige Stunden nach der Tat: Er murmelt unentwegt eine immer gleiche Gebetsformel, zuerst flüsternd, dann immer lauter, um die drängenden Fragen der Polizisten zu übertönen. Am Ende schreit er die Worte wie ein trotziges Kind. Bei einer weiteren Vernehmung drei Monate später wirkt er klarer. Was er vorhatte, fragt ihn der Ermittler vor laufender Kamera. "Schlachten!", sagt er schlicht auf Deutsch.

Videos lassen keinen Zweifel

Noch deutlicher bleiben die Überwachungsvideos aus dem Kaufhaus Woolworth am Barbarossaplatz im Kopf. Der Vorsitzende Richter Thomas Schuster warnt die Zuschauerinnen und Zuschauer im Gerichtssaal: "Überlegen Sie sich ganz genau, ob Sie das anschauen wollen." Weitere Videos und Fotos zeigen aber auch, wie mutige Passanten den Angreifer in die Seitengasse drängen und ein Polizeiauto kommt. Insgesamt furchtbar beklemmende Dokumente, aber auch wertvolle Beweise für das Landgericht.

Als diese Bilder über die Großleinwand flimmern, hat der Prozess seine Schlüsselszene. Der bisher apathische Beschuldigte tuschelt aufgeregt. Er will raus. Das Gericht gibt ihm eine Pause. "Es geht ihm sehr schlecht", sagt Verteidiger Hanjo Schrepfer bei der Rückkehr. "Er weiß, er hat das zu verantworten."

Als die Filme nach der Atempause wieder laufen, kann Abdirahman J. sich selbst nicht beim Morden zuschauen. Er senkt das Gesicht auf die Tischplatte, hält sich schützend die Arme über den Kopf, als erwarte er Schläge. "Wenn er das sieht und hört, kommt er nicht damit klar", erklärt sein Verteidiger.

In Erinnerung bleibt auch, wie der Vorsitzende Thomas Schuster schon vor Beginn von Sitzungstagen am Morgen gezielt jene traumatisierten Opfer anspricht und sich behutsam nach deren Befinden erkundigt. Er beruhigt Zeuginnen wie Gabi Marx, die sich furchtlos vor ein Kind geworfen hatte und dabei selbst schwer verletzt wurde - und nun ein Jahr später aufgeregt ihrem Aufruf im Zeugenstand entgegenfiebert. Noch in seinem Urteil bekundet Schuster ihr und anderen Mutigen im Namen des Gerichts Respekt.

Unvergessen ist auch die pathetische Geste, als ein Zeuge nach seiner Aussage den Nebenkläger Chia Rabiei im Gerichtssaal sitzen sieht, der Schulter an Schulter mit ihm gegen den Messerstecher gekämpft hatte, bewaffnet mit nichts als einem Rucksack. Da deutet der Soldat aus Volkach (Lkr. Kitzingen) mit dem gestreckten Finger auf Rabiei und klopft sich dann dreimal mit der Faust auf die Brust, um allen zu zeigen: "Der hat das Herz am rechten Fleck!"

Das darf man auch über die Anwälte in diesem Verfahren sagen, die ihrem Berufsstand Ehre machen. Weder Oberstaatsanwältin Judith Henkel noch die sieben Nebenklage-Anwälte erliegen der Verführung, die große Bühne zur Selbstdarstellung zu nutzen.

Sachlich, präzise und prägnant stellen sie die Position der Opfer dar - und wann hat man in einem Gerichtssaal schon einmal sieben Anwälte binnen 40 Minuten plädieren gehört?

Mit beeindruckender Sorgfalt

Einer der markantesten Charaktere ist Verteidiger Hanjo Schrepfer. Zu Beginn sieht er sich und seine Familie für die Ausübung seines Berufes heftigen Anfeindungen ausgesetzt. Unbeeindruckt davon verteidigt er den Beschuldigten mit der Sorgfalt, mit der man ihn aus vielen Strafverfahren kennt. Dem Urteil kann er nicht beiwohnen, weil er an Corona erkrankt ist.

Sein Kollege Tilman Michler findet im Plädoyer auch ohne seinen Mentor die richtige Tonlage. Im Namen des Mandanten bittet er die Betroffenen um Entschuldigung. Er macht aber deutlich, wie falsch viele der wütenden Briefschreiber liegen, die sich im Internet für klüger als die Richter halten: Hinweise auf einen islamistischen Hintergrund der Tat habe dieses Verfahren nicht erbracht. Auch nicht für Frauenfeindlichkeit des Beschuldigten. Selbst bei einer gesetzlichen Betreuung wären die Taten seines Mandanten mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zu verhindern gewesen.

Opferhilfe ist ungenügend

Was manche Opfer und Geschädigte beklagen, sind die bürokratischen Hürden, die vor ihnen aufgetürmt werden beim Bemühen, finanzielle Unterstützung vom Staat zu bekommen. Manche Opfer brauchen diese für Therapien zur Bewältigung des Traumas. Oder schlicht, weil sie ihren Beruf mit den erlittenen Verletzungen nicht mehr ausüben können.

"Auch Menschen, die körperlich nur leicht verletzt sind, können seelisch schwer leiden, manchmal jahrelang", sagt Anwalt Bernhard Löwenberg, dessen Kanzlei fünf der Opfer vertritt. Und der Kampf um finanzielle Hilfe für die Geschädigten ist mit dem Urteil nicht gewonnen, weiß seine Kollegin Barbara Rost-Haigis. Dieser kann sich noch Jahre hinziehen - wie die Einbürgerung für den mutigen Helfer Chia Rabiei.

Mehrere Opfer wie die mutige Würzburger Verkäuferin Gabi Marx berichten über endlose Fragebögen und Anhörungen und immer neue Forderungen nach Nachweisen und Untersuchungen. Unbürokratische Hilfe stelle man sich anders vor. Sie kritisiert vehement die bürokratischen Hürden bei ihrer Opferentschädigung - und meint nicht nur das Urteil gegen den Täter, wenn sie in ihrer Bilanz zum Urteil grollt: "Wenn ich jetzt sagen würde, was ich denke, würde womöglich ich in der Zelle landen, in die er gehört."

Langer Weg für Opfer und Hinterbliebene

Die juristische Aufarbeitung mag mit dem Urteilsspruch beendet sein. Für die Opfer und Hinterbliebenen jedoch wird der Prozess weitergehen. Ein Prozess, in dem sie die Folgen dieses brutalen Angriffs vom 25. Juni 2021 bewältigen müssen - jeder und jede auf einem eigenen Weg.