Wer Wildflecken verstehen will, der muss die Menschen kennen, die dort heute leben. Denn Wildflecken ist alles andere als ein Rhöner Dorf im herkömmlichen Sinne. Ganz viele Menschen in Oberwildflecken und Wildflecken haben entweder die Erfahrung von Flucht, Entwurzelung und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg in ihrer eigenen Familiengeschichte fest verankert oder sind als Spätaussiedler in die Marktgemeinde gekommen.

Dass aus Fremden tatsächlich Freunde wurden, war ein echter Kraftakt für die Rhöner Marktgemeinde. Bis in die späten 1990er Jahre hinein fanden Familien am Fuße des Kreuzberges eine neue Heimat. Einige blieben bis heute.

Die jüngere Geschichte von Wildflecken und Oberwildflecken ist allerdings geprägt von Kommen und Gehen. Immer und immer wieder. Unaufhaltsam. Unaufhörlich. Undurchschaubar. Alt-Bürgermeister Walter Gutmann sprach vor Jahren mal von einer "Urbanität" Wildfleckens. Und er meinte damit auch diverse Schattenseiten einer schleichenden Urbanisierung. Anonymität. Entfremdung. Anti-Sozialisierung.

Dass die Regierung von Unterfranken nun 50 ehemalige afghanische Ortskräfte in Wildflecken ansiedeln will und den Standort als geeignet einschätzt, ist meiner Meinung nach eine sozialpolitische Fehleinschätzung. Bis heute ringt Wildflecken um eine eigene Identität, um Gemeinschaftsgefühl, um sozialen Aufstieg, um eine gesunde, geordnete, geeignete Struktur. Wildflecken ringt auch immer wieder um das eigene Image und um sozialen Frieden. Und Wildflecken kämpft gegen das ständige Kommen und Gehen in seinen Problemvierteln. Der Marktgemeinde nun noch eine weitere Mammutaufgabe in Form eines Übergangswohnheimes mit 50 Menschen überzustülpen, ist fahrlässig und außerdem unüberlegt.

Der Marktgemeinderat wird vermutlich überhaupt keine rechtlichen Mittel in der Hand haben, um einschreiten oder mitreden zu können. Es steht das bevor, was schon so oft passiert ist: Wildflecken wird zum Spielball politischer Entscheidungsträger, die weit von der Rhön entfernt sind. Räumlich und gedanklich.