Gertrud Glössner-Möschk

Es ist fast genau ein Jahr her, dass aus dem Fachmarkt Anton Guck in der Michelinstraße in Hallstadt rund 60 nagelneue Fahrräder im Verkaufswert von 62 000 Euro gestohlen worden sind. Am Donnerstag ist einer der Einbrecher vom Schöffengericht verurteilt worden. Der 37-jährige Litauer Arnoldas B. wurde wegen gemeinschaftlichen Diebstahls in einem besonders schweren Fall zu zweieinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.
Seine Mittäter sind nicht bekannt, es muss sie aber gegeben haben. Davon sind Oberstaatsanwalt Matthias Bachmann und Richterin Marion Aman fest überzeugt. Die nächtliche Aktion, die sich vom 14. auf den 15. März 2016 ereignet hat, wäre von einem einzelnen Mann sicher nicht zu bewältigen gewesen, betonen beide.


Abtransport über lange Leiter

In jener kalten Nacht, irgendwann in der Zeit zwischen 18.15 und 6.20 Uhr, rückten die Täter in der Michelinstraße an. Sie schnitten ein Loch in den Zaun des Fachmarkts, holten sich eine Leiter aus dem Außenlager und warfen mit einem Stein eine Fensterscheibe im ersten Stock ein. Das Fenster führte zur ehemaligen Hausmeisterwohnung, in der Firmeninhaber Anton Guck zu Beginn der Fahrrad-saison die "Reserveräder" lagerte, die in seinem Ausstellungsraum im Erdgeschoss keinen Platz mehr hatten.
Die Hausmeisterwohnung war damals der einzige Raum im Gebäude, der nicht alarmgesichert war. Die Täter müssen das gewusst haben, denn sie vermieden es peinlich, den Raum durch die Wohnungstür zu verlassen.
Den Abtransport der teuren Mountain- und Crossbikes - darunter etliche der Marke Cube - muss Schwerarbeit gewesen sein. Die Fahrräder wurden über die vier Meter hohe Leiter aus dem Haus gehievt und zu einem etwa 150 Meter entfernt stehenden Lastwagen gebracht. Für einige wenige Räder gab es anscheinend auf dem Fahrzeug keinen Platz mehr. Die Täter legten sie an der Autobahnböschung ab und deckten sie mit einer Plane zu. In der darauf folgenden Nacht legte sich die Polizei auf die Lauer in der Hoffnung, die Täter würden zurückkommen, um die Räder zu holen. Doch diese Hoffnung zerschlug sich.
Dafür gab es eine andere Spur, die wenigstens zu einem der Täter führen sollte: Die Spurensicherung der Bamberger Kriminalpolizei konnte am durchschnittenen Zaun DNA-Anhaftungen sicherstellen und landete damit einen Treffer. Der Träger der DNA, ein Mann aus Litauen, war in der einschlägigen Datenbank bekannt.
Es wurde ein europäischer Haftbefehl ausgestellt, der am 16. September 2016 zur Festnahme im französischen Calais führte. Wenige Wochen später wurde Arnoldas B. nach Deutschland ausgeliefert. Seitdem ist er Untersuchungshäftling in der Justizvollzugsanstalt Bamberg.
Wie in der Hauptverhandlung bekannt wurde, ist B. kein unbeschriebenes Blatt. In Deutschland gibt es für ihn zwar nur einen Eintrag ins Bundeszentralregister, doch der ist aufschlussreich: Das Amtsgericht Unna hat den Mann im Jahre 2011 wegen einer ganz ähnlichen Tat zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und neun Monaten verurteilt. Zusammen mit seinem Bruder und einem Bekannten hatte er 170 Autoreifen von einem Firmengelände gestohlen.


Reifen zum Abtransport bereit

Nur zwei Wochen später versuchten es die drei Diebe in derselben Reifenhandlung noch einmal. Als sie von der Polizei festgenommen wurden, hatten die Männer schon 88 Reifen im Gesamtwert von 15 800 Euro zum Abtransport bereitgestellt.
Genauso professionell und gut vorbereitet wie damals seien die Täter beim Einbruch in den Fachmarkt Anton Guck vorgegangen, befand Richterin Aman. In beiden Fällen habe der Angeklagte B. gewerbsmäßig gehandelt, denn von dem Erlös der Beute könne man in Litauen einige Zeit lang gut leben. Verneint hat das Gericht allerdings die Verabredung der Beteiligten zu einer Bande. Während der Oberstaatsanwalt in seinem Plädoyer von Bandendiebstahl ausgegangen war, sah das Gericht dafür keine tragfähigen Beweise.
Dem Angeklagten wurde zugute gehalten, dass er die Tat gestanden hat und Reue zeigte. Der Oberstaatsanwalt fügte seinem Plädoyer - er hatte drei Jahre Haft beantragt - eine Ermahnung an den Angeklagten an: Nach dem Scheitern dieser zweiten Tat müsse er endlich erkennen, dass sich kriminelles Handeln auf Dauer nicht lohne: "Sie müssen sich irgendwann überlegen, ob Sie in Ihrem Leben nicht etwas anders machen wollen."