VON Prof. Markus Ketteler, Chefarzt der Abteilung für Nephrologie

Coburg — Diabetes mellitus, oder die Zuckerkrankheit, ist nicht nur die Volkskrankheit Nr. 1, sondern auch die Nierenkrankheit Nr. 1. Ein erhöhter Blutzucker greift vor allem die kleinen Blutgefäße im Körper an, und macht dabei vor den zarten Nierengefäßen keinen Halt. Jeder Mensch besitzt rund eine Million Nierenfiltereinheiten (Glomeruli), die jeweils als Blutgefäßgeflechte aufgebaut sind und aus denen der Primärharn abgepresst wird.
Hoher Blutzucker führt zur allmählichen Verdickung oder Vernarbung dieser Einheiten, und damit zu einem langsam fortschreitenden Nierenfunktionsverlust und zu Eiweißverlusten über den Urin. Dieser Prozess dauert 15 bis 20 Jahre, bis eine nachhaltige Nierenschädigung eingetreten ist. Ein Drittel der deutschen Dialysepatienten ist durch diese sogenannte diabetische Nephropathie dialysepflichtig geworden.
Können sich Diabetiker vor dieser Art der Nierenerkrankung schützen? Eine sehr gute Blutzuckereinstellung und vor allem eine akkurate Blutdruckkontrolle schützen die Nieren und können diesen Krankheitsverlauf zumindest um Jahre verzögern. Eine besondere Bedeutung unter den Blutdruckmedikamenten spielen hier die sog. ACE-Hemmer und die AT1-Rezeptorblocker, die zusätzlich und blutdruckunabhängig die Vernarbungsprozesse unterdrücken und die Eiweißverluste reduzieren. Der Nachweis einer Urineiweißausscheidung ist ein frühes Warnsignal für einen eher ungünstigen Verlauf, auf den diesen Medikamenten reagiert werden sollte.
Aber nicht jeder Diabetiker wird nierenkrank. Man weiß insbesondere durch Untersuchungen bei Patienten mit dem Typ 1-Diabetes, an dem vor allem Kinder erkranken, dass annähernd 50 Prozent der Betroffenen nie oder erst nach bis zu 40 Jahren eine Nierenbeteiligung entwickeln. Hier scheint eine zusätzliche erbliche Veranlagung mitzubestimmen, wer eine Nierenschädigung entwickelt und wer nicht. Sollte es Forschern gelingen, die entsprechenden "Nierenschutz-Gene" zu identifizieren, könnten sich aus diesen Erkenntnissen in der Zukunft neue Behandlungsansätze identifizieren lassen.