Sind Sie gerade in der Wüste? Nicht in Afrika, sondern hier in Deutschland - da, wo Sie leben? Vielleicht trauern Sie um einen lieben Menschen. Oder Sie haben eine schlimme Diagnose bekommen. Oder die Tage ihres Lebens erscheinen Ihnen grau und leer. Oder Corona macht Angst, bedroht das, was man zum Leben braucht. Ich denke: jede, jeder kennt solche Wüstenzeiten.

Dazu eine Geschichte: Ein Mensch konnte nichts Schönes und Gesundes sehen. Als er in einer Oase einen jungen Palmbaum im besten Wuchs fand, nahm er einen schweren Stein und legte ihn der jungen Palme mitten in die Krone. Mit einem Lachen ging er weiter. Die Palme versuchte, die Last abzuwerfen. Sie schüttelte und bog sich. Vergebens. Schließlich krallte sie sich tiefer in den Wüstenboden, bis ihre Wurzeln verborgene Wasseradern erreichten. Diese Kraft aus der Tiefe und die Sonnenglut aus der Höhe machten sie zu einer großen und königlichen Palme, die auch den Stein hochstemmen konnte.

Nach Jahren kam der Mann wieder, um sich an dem Krüppelbaum zu erfreuen. Da senkte die kräftigste Palme ihre Krone, zeigte den Stein und sagte: "Durch Deine Last bin ich stark geworden und habe die tiefsten Adern entdeckt, die mir leben halfen!" Der Palme ist eine Last aufgelegt, die sie nicht mehr loswird. Die Palme geht zu Grunde. Sie krallt sich fest, geht in die Tiefe. Und findet im tiefsten Grund ihre Lebensader: Wasser. Das, was ihr Kraft gibt, Nahrung fürs Überleben. Und dazu stärkt das Licht von oben ihre Sehnsucht: Ich halte es aus - ich komme durch.

Nicht, dass alles gut wird! Der Fels in der Krone, die Last des Lebens, bleibt ihr. Doch die Palme ist aufgerichtet. Sie hat die Quellen, Ressourcen zum Leben gefunden. Was sind Ihre Quellen, wenn's schwer wird? Woraus ziehen Sie Kraft, Durchhaltewillen, neuen Mut? Familie, gute Freundinnen und Freunde, liebe Menschen an Ihrer Seite - hoffentlich. Und darüber hinaus? Gottvertrauen, Glaube - ja, das auch.

Mir helfen zum Beispiel diese Worte: Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück. Denn DU bist bei mir. (Psalm 23)

Gute Worte. Gemurmelt - im Herzen bewegt - im Rhythmus des Atems wiederholt. So werden sie zu Quellen der Kraft - zu Lebensadern in der Tiefe, die nähren und leben lassen.

Mathias Spaeter, geboren 1957, verheiratet, ist evangelischer Krankenhauspfarrer in Bamberg. Schwerpunkte seiner Arbeit sind die Begleitung Sterbender (Palliativstation) und demenziell Erkrankter. Er berät auch bei ethischen Fragen (Patientenverfügung etc). Kontakt: Mathias.Spaeter@sozialstiftung-bamberg.de