In beeindruckender Form nahm Siegfried Wittenburg unlängst die Schüler der zehnten Jahrgangsstufe des Herzogenauracher Gymnasiums auf eine Zeitreise mit, die in den Alltag der DDR führte. Der in Rostock lebende Fotograf zeigte unter anderem aus seinem Bildband "Leben in der Utopie" emotional wirksame Fotografien, zu denen der Zeitzeuge spannende Geschichten erzählte, um das Leben in der Diktatur für die Schüler erfahrbar zu machen. Er präsentierte zahlreiche Aufnahmen, die die prägenden Ereignisse seiner Kindheit und Jugend spiegelten.
So kristallisierten sich für den Zuhörer schnell die Widersprüche zwischen den welthistorischen Zielen des Kommunismus und dem konkreten Schicksal der Familie des Künstlers heraus, der aus einem christlichen Elternhaus stammt. Die Eindrücke der weinenden Mutter, deren anderer Sohn die DDR verlassen hatte, der Schwägerin, der man das Abitur verweigert hatte, und des eigenen Lebens, das von täglichen Grenzerfahrungen geprägt worden war, sensibilisierten das sehr interessierte Publikum.


Konflikte mit der Stasi

Die Jugendlichen konnten gut nachempfinden, wie der 1952 geborene Künstler eines Fotoklubs der Warnowwerft Warnemünde 1981 Bilder für eine Bezirksfotoschau gesucht und dazu eine trostlose Wohnsiedlung fotografiert hatte. Es wurde augenfällig, dass Wittenburg bereits bei der Ausstellungseröffnung mit der polarisierenden Wirkung seiner Bilder konfrontiert worden war, durch die er mehrfach in Konflikt mit der Stasi geraten sollte.
Dennoch hatte es der Leiter des Klubs geschafft, sich in den 1980er Jahren zum professionellen Fotografen zu entwickeln und mit zahlreichen Ehrungen überhäuft zu werden. Seine grundlegende Skepsis dem Staatsapparat gegenüber behielt er jedoch stets bei, denn diese resultierte aus der Sehnsucht nach Freiheit, die ihn mit seinem bekannten Rostocker Zeitgenossen Joachim Gauck verband. Als sich deren Wege im Wende-Herbst 1989 in der Marienkirche gekreuzt hatten, fotografierte Wittenburg, wie der Pfarrer die Bürger dazu ermutigte, gegen die SED-Diktatur aufzubegehren. Dieses Bild sollte Jahre später Geschichte machen.
Wittenburgs Fotografien berührten und berühren heute immer noch ihre Betrachter, gerade auch Jugendliche, denn es werden Bilder von Menschen in den Fokus gerückt, die Tag für Tag darum kämpfen mussten, ihr Leben unter den beschwerlichen Bedingungen einer Diktatur möglichst würdevoll zu führen.
Die im Rahmen eines Vortrags vermittelten Denkanstöße wurden von den Schülern kritisch aufgegriffen, um über die Zwänge des "verschwundenen" Staates Fragen zu stellen.
Siegfried Wittenburgs Anliegen besteht darin, einen Beitrag zu einer zweiten Phase der Aufarbeitung der DDR-Geschichte zu leisten, die von Bundespräsident Gauck initiiert wurde. In diesem Kontext ist die Mitwirkung des Fotografen am Zeitzeugenprojekt zu sehen, das von der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildung betreut wird und in das das Gymnasium Herzogenaurach mit einbezogen wurde. Der eindringliche Appell des Referenten an das Publikum wirkte nach: "Passen Sie auf die Demokratie auf, und lassen Sie sich die Freiheit nicht nehmen."
Karin Both-Kowalski