Die große Liebe - wo wartet sie? Bei Zofia Drahn war's ein Trödelladen in der Bahnhofsstraße in Bayreuth. Vor fast zwanzig Jahren stöberte sie dort nach Antiquitäten und entdeckte in der Ecke ein verstaubtes Bild mit beschädigtem Rahmen. Es zeigte ein Hochplateau mit majestätischem Gebirgsmassiv dahinter, eingetaucht in mystisches Blau. "Ich war fasziniert", erinnert sie sich, "Ringsum Lärm und Hektik, doch von dem Gemälde ging eine meditative Ruhe aus. Signiert war es mit ,C. Schreiber', doch der Name sagte mir nichts. Am nächsten Morgen bin ich in aller Frühe wieder hingefahren und habe es gekauft." Der Beginn einer großen Leidenschaft.

Zofia und ihr Mann Robert sind der Lebensgeschichte des Romantikers Peter Conrad Schreiber (1816-1894) nachgegangen, einst ein vielgerühmter und nachgefragter Maler, der heute jedoch vollständig vergessen ist. Sie haben sich auf die Suche nach Nachfahren gemacht und dabei auch den Ur-Ur-Enkel des Künstlers aufgespürt. Und: Sie haben weltweit nach Bildern von ihm recherchiert, im Internet, im Kunsthandel, bei Auktionen. Fünfzig haben sie mittlerweile erworben. "Nicht selten waren die 150 Jahre alten Kunstwerke in einem erbärmlichen Zustand", erzählt Zofia Drahn. "Sie mussten fachkundig restauriert werden. Wir hatten schon vor Jahren das Glück, eine Expertin gefunden zu haben, die die Kunst beherrscht, sie minimalinvasiv zu restaurieren. Auch die Rahmen haben wir original erhalten."

Die Bilder im ihrem Haus in Windischenhaig sind eine Augenweide. Dicht an dicht wie in einer Galerie hängen die Ansichten in allen Räumen. Man taucht in eine Welt surrealer Schönheit: Der Künstler setzt sich stimmungsvoll, ja poetisch mit der Landschaft auseinander, sodass man beim Betrachten die starke Sehnsucht nach Natur verspürt.

Auf nach Italien!

Schreiber ist einer der Maler, die es nach Italien gezogen hat. Den Grundakkord hat Goethe mit seinem Gedicht "Mignon" vorgegeben: "Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn, im dunkeln Laub die Goldorangen glühn?" Wie der Weimarer Dichter, der sich fast zwei Jahre (1786-88) dort aufgehalten hat, begeben sich Generationen von Künstlern und Bildungsbürgern nach Italien, um das besondere Lebensgefühl, die Nähe zur Antike in sich aufzunehmen.

Eine längere Studienreise setzt finanziellen Rückhalt voraus. Bei Peter Conrad Schreiber (1816-1894) ist dies kein Problem: Er stammt aus einer begüterten Fürther Familie. Sein Vater, ein Gürtlermeister und Knopffabrikant, ermöglicht ihm zunächst eine Ausbildung an der Kunstgewerbeschule in Nürnberg, danach ein vierjähriges Kunststudium in Berlin und München. Zwei Lehrer sind es, die ihn nachhaltig prägen: An der Berliner Akademie hat er das Glück, in die Meisterklasse von Carl Blechen aufgenommen zu werden, der heute neben Caspar David Friedrich als einer der bedeutendsten Landschaftsmaler der Romantik gilt. Blechen wird nach seinem Italien-Aufenthalt zum ersten deutschen Freilichtmaler. Mit seinen leuchtenden Farben, den Lichtinszenierungen ist er ein Wegbereiter der Impressionisten. In München begegnet Schreiber Carl Rottmann. Er ist der Lieblingsmaler des bayerischen Königs Ludwig I. Um die Hofgarten-Arkaden der neuen Münchner Residenz auszugestalten, schickt er ihn nach Italien. Die entstehenden Wandbilder zeigen "große Landschaften" mit gesteigertem Bildausdruck.

Gesammelte Träume

Endlich, 1839, kann Schreiber selbst in das Land seiner Sehnsucht aufbrechen. Fast vier Jahre wird er in Italien bleiben. Zunächst in Rom, wo er auch in Kontakt mit der deutschen Künstlerkolonie kommt, die sich seit Goethes Zeiten im "Caffé Greco" am Fuße der Spanischen Treppe trifft. Es folgen Wanderungen ins ländliche Umland von Rom, die Campagna und die Pontinische Ebene, damals Malaria-Sumpfgebiet. 1841 erlebt Schreiber einen Vesuv-Ausbruch. Es folgen Studienreisen in die Sabiner und Albaner Berge, die Abruzzen, an den Golf von Neapel, nach Sizilien. Es sind Träume, die Schreiber sammelt.

Eines der schönsten Gemälde ist sein Blick auf Cap Misenum. Rechts im Hintergrund taucht die Silhouette der Insel Capri auf. Der Blick verschwimmt im Azurblau von Ferne und Meer. Den Vordergrund bilden die ausgespülten weißen Kalkfelsen des Riffs mit ihrem Buschwerk und die Mauerreste einer alten Festung. Wenn man genau hinsieht, entdeckt man zwischen dem Gestein eine winzige Frauengestalt. Wie häufig in der Malerei der Romantik wirkt der Mensch klein vor der majestätischen, ins Phantastische überhöhten Natur.

Auch bei seinem Blick auf Rom mit der Vatikanstadt steht ein einsames Menschlein zwischen pittoresken, von üppiger Vegetation eingewachsenen Felsen und einem versandeten Flusslauf. Der rechts wie die Finger einer Hand aufragende Felsen scheint mit der Kuppel des Petersdoms Pingpong zu spielen - Natur und Kultur begegnen sich.

Das Ehepaar Drahn wäre gern bereit, im Rahmen einer Ausstellung in Kulmbach einige Bilder ihrer Sammlung als Leihgabe zur Verfügung zu stellen. Weitere Bilder und Informationen zu Peter Conrad Schreiber finden sich auf der von Robert Drahn eingerichteten Internetseite: www.peter-conrad-schreiber.de.