von unserem Mitarbeiter Werner Reissaus

Neudrossenfeld — Seit sechs Jahren gehört Willem van der Heyden zum Ensemble der Bayreuther Festspiele. In diesem Jahr hat der Belgier im "Lohengrin" die Rolle des zweiten Edlen übernommen. Während der Festspielzeit wohnt der 37-Jährige in dem Weiler Hirschgründlein bei Neudrossenfeld, wo er bei seiner Gastfamilie Schnupp seit vier Jahren die Ruhe und die Natur genießt.
Willem van der Heyden ist der erste Belgier am "Grünen Hügel". Er erhielt kürzlich nachträglich das "Bayreuther Eichala", weil er im vergangenen Jahr schon zum fünften Mal mit seiner Heldentenorstimme im Festspielhaus zu hören war.


Debüt in Bordeaux

Willem van der Heyden wurde in Gent geboren und studierte am Konservatorium in Lüttich. Sein Debüt als Sänger gab er 2009 in Bordeaux als Walter von der Vogelweide. Weitere Engagements führten ihn quer durch Europa. Seit 2010 singt er bei den Bayreuther Festspielen, als zweiter Edler im "Lohengrin" und als vierter Knappe im "Parsifal". Den zweiten Edler sang er auch beim Gastspiel der Bayreuther Festspiele in Barcelona im September 2012.
Sehr beachtet wurde sein erster Siegmund in einer konzertanten Aufführung der Walküre unter der Leitung von Kazushi Ono in Parma, wo er 2014 auch das Tenorsolo in Beethovens 9. Sinfonie gesungen hat. Was ein Edler ist, erklärt Willem van der Heyden so: "Ein Edler stand unter den Rittern und Freiherren, aber formal über dem untitulierten Adel."
Bemerkenswert, dass Willem van der Heyden zunächst das Studium des Sportlehrers aufnahm: "Dann habe ich fast fünf Jahre für einen Sportdienst gearbeitet und auch Unterricht gegeben. Es war ein guter und toller Job, aber ich spürte in mir immer stärker das Gefühl, dass ich singen muss. Mein Vater war auch Sänger, und er hatte eine große Karriere. Auch meine Mutter und mein Halbbruder haben gesungen."
Der Zufall wollte es, dass sein Talent von der Großmutter entdeckt wurde. Willem van der Heyden hatte irgendwann eine Kassette besungen: "Die Einzige, die die Kassette hören durfte, war meine Großmutter. Sie glaubte, meinen jungen Vater zu hören. Aber das war ich, und ich hatte nie eine sängerische Ausbildung gehabt." Es war einfach von Natur die Stimme da, und von diesem Augenblick an habe er gewusst, was seine Berufung war. "Mit 26 Jahren begann ich mein Studium am Konservatorium in Lüttich. Ich hatte immer das Gefühl, dass es zu spät war. Ich musste auch doppelt so hart arbeiten wie die anderen."
Auf seinem weiteren Weg zum Heldentenor hatte van der Heyden auch ein wenig Glück, dass er schon sehr bald in Brüssel vorsingen durfte. Er wurde sofort engagiert. "Mein erster Job war in Bordeaux, da habe ich Walter von der Vogelweide gesungen. Von da an ging es bergauf."


Von unten angefangen

Der Belgier hatte ein Problem mit seiner Agentur, die nur mit großen Theatern zusammenarbeitete: "Ich habe immer kleinere Partien an größeren Häusern gesungen, aber das wollte ich eigentlich nicht, ich wollte an kleineren und mittleren Theatern anfangen."
Sein Ziel sei schon gewesen, in den großen Häusern zu singen, "aber man muss irgendwo unten anfangen - und das hat meine Agentur nie verstanden", so der Belgier. Vor den Festspielen habe er die Zusammenarbeit gekündigt. Jetzt steht er mit kleinen Agenturen in Verbindung. "Ich möchte in den mittelmäßigen Häusern die Hauptrolle singen, weil mir die kleinen Rollen keinen Spaß mehr machen."
Seine Lieblingsrolle wäre in Shakespeares Oper "Othello" der "Mohr von Venedig": "Meine Lieblingspartien sind wirklich das dramatische Fach. Das ist mein Ding." An das Festspielhaus Bayreuth kam Willem van der Heyden über seinen Coach, der mit Eva Wagner befreundet war. Und der Belgier hat ein weiteres Ziel: "Dass ich irgendwann zurückkomme und hier vorsinge und auch etwas Neues bringen kann. Die Wagner-Musik ist zeitlos, sie wird immer dableiben."
Willem van der Heyden ist sehr dankbar, dass er während der Festspielzeit in dem abgelegenen Hirschgründlein ein wunderschönes Domizil gefunden hat. "Das ist sehr schön hier, ich kann mir keine besseren Vermieter wünschen. Es ist auch eine sehr schöne Freundschaft mit Hermann und Christine entstanden. Ab und zu sind auch meine Kinder hier, es klappt einfach alles. Ich liebe Deutschland und ich fühle mich hier besser als zu Hause in Belgien. Ich mag auch die Essenskultur hier. Wenn ich hier Schweinefleisch esse, dann schmeckt das nach etwas." Vom fränkischen Bier gerät Willem van der Heyden ohnehin ins Schwärmen. Durchaus möglich, dass er demnächst im Süden Deutschlands seinen Lebensmittelpunkt haben wird.
Während der Festspielzeit hält sich der Belgier auch sportlich fit: "Die Bauchmuskulatur muss immer locker sein, sie darf nicht angespannt sein. Von meinem Studium her weiß ich genau, welche Muskulatur ich dehnen muss und welche nicht. Das ist für mich auch ein Vorteil. Alles muss zusammenpassen, sonst kann man nicht in Top-Form sein."
Während der Profifußballer täglich drei bis vier Stunden trainiert, reicht dem Heldentor eine halbe Stunde am Tag, um seine Stimme in Form zu halten.