Der steinerne Platz ist leergefegt. Die Sitzbänke sind verwaist und nicht mal ein Fahrrad steht in der Ecke. Der schnittige Wind hat die letzten Blätter von den Bäumen gezerrt, hier oben am Babenberger Ring im Bamberger Berggebiet. Matte Farbtöne der 1970er Jahre-Fassaden - welche ihre besten Zeiten hinter sich haben - schauen herab auf die drei Menschen, die im Innenhof der beiden länglichen Wohnkomplexe stehen: Stadtteilmanagerin Anja Münzel, Apothekerin Chirstien Paul und Bürgervereinsvorsitzender Christian Hader. Die drei haben ein Ziel: Dem 3300 einwohnerstarken Stadtteil wieder Leben einzuhauchen.

Die vergangenen Jahre lesen sich wie ein Kalender des Abbaus an öffentlichem Leben im Viertel. Hinter jedem Türchen verbirgt sich statt Schokolade das Ende von Geschäften und Einrichtungen. Im Jahr 2012 brannte eine Gaststätte aus. Das anliegende Sonnenstudio wurde dadurch in Mitleidenschaft gezogen und machte ebenso dicht. Auch ein Lebensmittelmarkt schloss zur gleichen Zeit seine Pforten. Drogerie, Getränkemarkt und Bäckerei verschwanden. Vor vier Jahren wanderte die Sparkassenfiliale ab. Vor zwei Jahren war dann auch der Bankautomat Geschichte. Und dann ging auch noch der ansässige Hausarzt aus privaten Gründen in einen anderen Stadtteil. Mit ihm sagte auch die Kassenlizenz "Auf Wiedersehen!".

Nun hält von den Geschäften nur noch Apothekerin Paul die Stellung. Aber wie lange noch? "Ich habe zurzeit gerade einmal zwischen 20 und 30 Kunden am Tag", erklärt sie. Das langt eigentlich nicht. Gut wären mehr als 60 Kunden täglich, um den Laden zu halten. Aber warum sollten die Menschen in ihrer Apotheke vorbeischauen, wenn man sonst nichts mehr vor Ort erledigen kann, fragt sie sich. Dabei ist der große Vorteil: Die Belegschaft wohnt im Viertel und kennt die Kundschaft. Damit sind die Lieferungen von Medikamenten an die Haustür nicht in unbekannten Händen. Man kennt sich eben.

Die Apothekerin hat schon die Öffnungszeiten heruntergeschraubt. Mit ihren sechs Angestellten, welche größtenteils in Teilzeit arbeiten, hat sie mittlerweile Kurzarbeit angemeldet. Aber unter diesen Umständen halte sie keine Ewigkeit mehr durch, so Paul.

Was wird mit den Mieten?

"Gerade für die älteren Menschen beziehungsweise für Kinder, die ihre Eltern versorgen wollen, fallen die Möglichkeiten weg", findet Bürgervereinsvorsitzender Hader, dessen Elternhaus sich unweit des Wohnkomplexes befindet. In seiner Jugend sei es noch ein belebter Platz gewesen, wo Menschen gerne verweilten.

Wiederbelebungsmaßnahmen gab es in den vergangenen Jahren mehrere: Gesprächsrunden des Bürgervereins Süd-West mit Oberbürgermeister Andreas Starke und einer Bürgerinitiative fanden statt. Auch die Josef-Stiftung, welcher die 280 Wohneinheiten gehören, war 2014 daran beteiligt. "Damals wurden auch Zusagen gemacht, dass die Gebäude dieses Jahr saniert werden", erinnert sich Hader. Den Gebäuden fehlen zum Beispiel Aufzüge. Ein weiterer spannender Punkt sei die Frage nach der Entwicklung der Miethöhe, denn Ende 2020 laufe die Sozialpreisbindung aus. Informationen dazu gebe es noch nicht.

Und auf Mails vonseiten des 400 mitgliederstarken Bürgervereins an die Joseph-Stiftung wurde in der jüngeren Zeit leider nicht reagiert. "Ich wünsche mir, dass die Stiftung aktiv auf den Bürgerverein zugeht, welche Vorstellungen sie für den Stadtteil hat", betont der Vereinsvorsitzende Hader.

Auf Anfrage bei der Pressestelle der Joseph-Stiftung wird deutlich, dass die Frage nach der Miethöhe eine Rolle spielt: "Die Joseph-Stiftung will an Ihrem Quartier in Bamberg-Südwest festhalten und es in den nächsten Jahren nachhaltig und - gemäß Ihrem Stiftungsauftrag - sozialverträglich entwickeln." Um dies gewährleisten zu können, sei auch die Anhebung der Mieten ein Baustein im kommenden Jahr. "Die angehobenen Endmieten werden sich unterhalb der Grenzen der Kosten für Unterkunft und Heizung (KdU) der Hartz-IV-Regeln bewegen. Für Mieter, die eine Bedürftigkeit und die Nutzung einer angemessenen Wohnungsgröße im Sinne der Hartz-IV-Regeln nachweisen können, werden die Mehrkosten in der Regel vom Jobcenter abgefangen", heißt es weiter.

Damit läge die durchschnittliche Miete immer noch deutlich unter der ortsüblichen Miete. Man sei zuversichtlich, für jeden Mieter eine sozialverträgliche Lösung zu finden. Anfang 2021 werde die Stiftung alle Mieter entsprechend informieren.

Allerdings bestreitet die Stiftung konkrete Versprechungen, was die Sanierung und Umgestaltung angehen. Man habe jedoch immer wieder mit unterschiedlichen Interessengruppen verschiedene Überlegungen diskutiert. "Bei den Planungen zur Entwicklung der Wohnanlage spielen weitere zahlreiche Aspekte wie nachbarschaftliche Quartierentwicklung, Betrachtung und Bewertung von Versiegelungsflächen oder energetische Standards eine wichtige Rolle", fasst die Stiftung ihre Antwort zusammen.

Wichtig: ein Treffpunkt

Apropos Nachbarschaft: Seit zwei Jahren gibt es den sogenannten "Freiraum", welcher vor Corona-Bedingungen einem Nähcafé, dem Seniorentreff, dem Frauenfrühstück sowie manchen Familienfeiern Platz bot. Stadtteilmanagerin Münzel, die seit 2017 vor Ort im Auftrag der Caritas aktiv ist, findet: "Es ist wichtig, dass wir ein Bewusstsein dafür haben, dass Menschen sich treffen können wollen." Dazu leiste dieser Raum einen wichtigen Beitrag. Schließlich wohnen hier Menschen aller Altersgruppen.

Dass es in Sachen Quartiersentwicklung vorangehen kann, habe auch das seniorenpolitische Gesamtkonzept gezeigt, dessen dritte Runde leider coronabedingt ausfallen musste. Dabei habe man auch das Thema Treffpunkte besprochen. Vor zwei Jahren gab es ein erfolgreiches Stadtteilfest, welches das Viertel zusammengebracht habe. Ein Projekt, welches die drei Engagierten gerne wieder erleben möchten - neben mehr Chancen für spontane Treffen und gute Nahversorgung im Stadtteil.