Es war die Fotografie eines Mädchens, die einen Wendepunkt im Leben des Heimatforschers Klaus Bub markierte. Er erhielt das Bild 1989 aus dem Fundus einer alten Maßbacherin. Das Foto zeigt ein Mädchen im Teenageralter mit einem geschlachteten Huhn in jeder Hand. Es ist eine undatierte ländliche Momentaufnahme. Die Fotografie des Mädchens, ihr Name ist Nelly Eberhardt, erweckte in ihm das Interesse, sich einer Seite der Heimatgeschichte zu widmen, die in Vergessenheit geraten war und die auch er bis dahin nicht kannte. Es ist die Geschichte der Maßbacher Juden, die mit dem Holocaust auch in Maßbach ihr schreckliches Ende fand.

Heute weiß Klaus Bub, dass Nelly Eberhardt 1900 geboren wurde, in der Maßbacher Hauptstraße aufwuchs und 1990 im New Yorker Stadtteil Bronx starb. Je mehr er sich mit deren Vita befasste, desto mehr eröffnete sich ihm ein völlig unbekannter Kosmos von familiären Verbindungen und von einer Kultur, die ihm bis zu diesem Zeitpunkt völlig fremd geblieben war. Es sei die Neugier, die ihn angetrieben habe, immer tiefer einzutauchen in diese Vergangenheit. "Wenn ich etwas mache, gehe ich in die Tiefe", sagt Klaus Bub.

Recherche in den Archiven

Er befragte viele Zeitzeugen aus dem Ort und weitete seine Nachforschungen auf die Archive aus. Je mehr er erfuhr, desto mehr faszinierte ihn dieser Teil der Ortsgeschichte. Im Laufe der Jahre wurde er ein Kenner jüdischer Geschichte, Religion und Lebensweise. Durch seine Recherchen machte er das Leben der jüdischen Gemeinde Maßbach bis 1942 wieder sichtbar.

Die israelitische Gemeinde bestand aus Geschäftsleuten, die Schuh- oder Kleidergeschäfte führten, Bäcker, Metzger oder Viehhändler waren. Ein Geschäft hatten auch die Eltern von Leo Katzenberger, der später in Nürnberg ein erfolgreicher Geschäftsmann und Vorsitzender der israelitischen Kultusgemeinde war. Doch sein Reichtum und sein Amt verschonten ihn nicht vor Denunziantentum und Verfolgung. Katzenberger wurde 1942 zum Tode verurteilt und hingerichtet. Sein tragisches Schicksal war Filmstoff für Hollywood und Joseph Vilsmaier in "Leo und Claire". Wo Leo Katzenberger seine letzte Ruhestätte gefunden hat, weiß Klaus Bub nicht, "auf jeden Fall nicht in Maßbach", wie jüngst in einem Bericht dieser Zeitung fälschlicherweise geschrieben worden war. Leo Katzenbergers Eltern aber sind auf dem jüdischen Friedhof in Maßbach beerdigt.

Je intensiver sich Klaus Bub mit der Geschichte der israelitischen Gemeinde seines Ortes befasste, desto mehr Spuren der Vergangenheit entdeckte er. So stieß er auf dem Dachboden der ehemaligen Synagoge, die in der Reichspogromnacht 1938 zerstört worden war, auf Reste alter, religiöser Schriften, die bis ins 18. Jahrhundert reichten.

Heute ist im Obergeschoss der einstigen Synagoge eine Ausstellung mit vielen Exponaten untergebracht, darunter auch Fotos und Originale dieser Schriften. Zwischenzeitlich ist das Anwesen in gemeindliches Eigentum übergegangen. Der Aufbau eines Museums zur jüdischen Ortsgeschichte ist in Vorbereitung. Aber bereits jetzt können Besucher dort viel erfahren.

Es gibt noch Relikte

Noch immer kommen Ortsbürger zu Klaus Bub, die auf Dachböden und in alten Schränken Relikte finden. Im Münnerstädter Hennebergmuseum erfuhr er vor einigen Jahren von dort aufbewahrten Kultgegenständen aus der Maßbacher Synagoge. Das Museum gab sie zurück, darunter eine Thorarolle, die zu den besonderen Exponaten zählt.

Ehrfurchtsvoll zeigt Klaus Bub auch den Thora-Vorhang der einstigen Synagoge von Poppenlauer. Er kam erst in diesem Jahr zur Sammlung hinzu. Ein Kunsthändler aus Luxemburg hatte ihn in den USA ausfindig gemacht und ihn Klaus Bub angeboten. Dank einer 80-prozentigen Förderung über das Amt für ländliche Entwicklung war es möglich, diese Kostbarkeit ins Lauertal zu holen. In hebräischer Schrift ist nachzulesen, dass der Vorhang 1868 vom Frauenverein angeschafft worden war. Und auch der Name Poppenlauer ist eingestickt.

In der Ausstellung sind ebenso ganze Familiengeschichten nachlesbar. Für die in den Konzentrationslagern verstorbenen Ortsbürger hat Klaus Bub einen Gedenkraum eingerichtet. Durch Bubs Recherchen erfahren Nachfahren dieser Familien, wie ihre Ahnen einst gelebt haben. Erst im Juli begleitete Klaus Bub israelische Nachkommen durch den Ort und auf den Friedhof, den es ab 1904 gab.

Dieser liegt am Dorfrand in einem schattigen Hain. Ein Audio-Rundgang zu den Stätten jüdischen Lebens führt Besucher dorthin. 1942 war Jette Grünebaum die letzte Maßbacherin, die hier bestattet wurde. Ihr Grab bekam erst nach 1948 einen Grabstein, vermutlich von einem Nachkommen gestiftet. Das Grab von Hännchen Reis, die ebenfalls 1942 starb, blieb ohne Stein. Ihr Name ist auf dem Stein ihres Ehemannes eingemeißelt, der neben ihr ruht. So hat der Maßbacher Judenfriedhof zwar 41 Gräber, aber nur 40 Grabsteine.