Mit reichlich Verspätung hat Jürgen Bruhn jetzt seine ersten Olympischen Spiele genossen. Der Schwimmer der SG Bamberg gehörte 1980 zum Schwimm-Team, wurde jedoch durch den Moskau-Boykott von westlichen Staaten um seine Olympia-Teilnahme gebracht. Jetzt, 36 Jahre später, spürte er erstmals den Olympischen Geist direkt vor Ort - nicht als Athlet, sondern als Zuschauer. Und was der 60-Jährige an vier Tagen in Rio erleben durfte, hat ihn schwer beeindruckt.

Wie fühlt sich das an, live bei den Sommerspielen dabei zu sein?
Jürgen Bruhn: Es war schon ein erhebender Moment, zum ersten Mal Olympischen Spielen beizuwohnen, den Boden der Sportstätten zu betreten und diesen Hauch von Olympia zu erhaschen.

Als Schwimmer verfolgten Sie vor allem die Wettkämpfe im Aquatics Stadium?
Verständlicherweise, zumal auch meine Nichte Annika Bruhn dort aufgetreten ist. So konnte ich selbst miterleben, wie Michael Phelps seine Medaillen abräumte und vom Publikum frenetisch gefeiert wurde - Gänsehautfeeling, diese Schwimmikone live zu erleben. Bei der Breite der nicht erreichten Leistungen der deutschen Schwimmer ist wohl offensichtlich, dass Vorbereitung, Motivation und auch die vom DSV erstellte Qualifikation ursächlich sind - klare Management-Fehler, die auch dort Konsequenzen haben müssen. Faszinierend ist dann zu sehen, wie die Sportler trotz Enttäuschungen sich immer wieder aufraffen. Da ist er eben doch, der Olympische Geist - und er steckt an.

Wie groß war die Begeisterung der Einheimischen für die Spiele?
Die Brasilianer sind enthusiastisch für ihre Sportler und für ihr Land. Ich konnte im Hexenkessel des Handballspiels Deutschland gegen Brasilien sitzen und dies hautnah miterleben. Ja, sie sind parteiisch und emotional, aber so wunderbar offen für Fremde. Am Ende haben wir uns alle in den Armen gelegen, auch wenn das deutsche Team verloren hat. Da war nichts von dumpfer Fanmentalität oder Distanz Fremden gegenüber, sondern nur pure Lebensfreude und der Genuss des Momentes. Ich weiß gar nicht, wie viele Telefonnummer oder E-Mail-Adressen ich ausgetauscht habe in der kurzen Zeit - eben echt Olympische Begegnungen!
Wie fällt ihre Olympia-Bilanz aus?
Sehr positiv angesichts der vorherigen Befürchtungen. Am schlimmsten empfinde ich die Kommentare, die leere Zuschauerreihen beklagen. Die Brasilianer sind da - aber wo sind denn die anderen? Sind es etwa die Ängste vor Kriminalität, Terrorismus oder dem Zika-Virus, die die Menschen davon abhalten, das Land zu besuchen? Und dann kritisieren wir noch obendrein?
Gerade Olympia ist und muss ein Ort der internationalen Begegnung sein und bleiben. Wenn Ängste uns davon abhalten, dies selbst zu erleben, gewinnen die "dunklen Mächte" an Boden. Der Aufwand, den die Brasilianer in ihrem Land für die Gäste aus aller Welt betrieben haben, war so groß und unübersehbar. Ich habe mich sehr sicher gefühlt, auch weil ich mich an Regeln gehalten habe, die man in einem Land wie Brasilien berücksichtigen sollte. So müssen wir den Brasilianern dankbar sein dafür, dass sie diese Spiele ausgerichtet haben.

Die Fragen stellte
Michael Memmel