C hristian ist zwölf Jahre alt. Er spielt sehr gerne Fußball. Manchmal muss er auf der Ersatzbank sitzen, weil Mitspieler besser sind als er. Aber immer, wenn er spielt, ist auch sein Vater dabei.
Der Vater von Christian stirbt ganz plötzlich - Herzversagen. Ein paar Tage später geht Christian zu seinem Trainer und bittet ihn: "Am kommenden Samstag möchte ich auf jeden Fall bei unserem Spiel dabei sein. Ich will für meinen toten Vater spielen." Der Trainer erfüllt Christian diesen Wunsch. Der Samstag kommt und Christian ist das ganze Spiel dabei. Er gibt alles.
Nach dem Spiel fragt ihn der Trainer: "Du hast deine Sache toll gemacht. Warum aber wolltest du heute unbedingt spielen?" "Mein Vater sollte mich zum ersten Mal Fußball spielen sehen", antwortet Christian. "Aber dein Vater ist doch sonst auch immer zu den Spielen gekommen, um dich zu sehen", fragt der Trainer nach. Die Antwort des Jungen ist kurz: "Hast du es nie bemerkt, Trainer? Mein Vater war blind."
Diese Geschichte rührt mich an. Zugleich gibt sie eine eindrückliche Antwort auf die Frage: Was kommt nach dem Tod? Nämlich - uns werden die Augen geöffnet. Wir können sehen, was wir im Leben nicht sehen konnten.
Der Vorwurf der Religionskritiker seit dem 19. Jahrhundert steckt uns in den Knochen. Die Kirche vertröste die Menschen auf ein Jenseits. Sie mache ihr Geschäft mit der Angst der Menschen.
Das Diesseits überlasse sie den Herren dieser Welt. Bis heute wird so argumentiert: Es gibt keine andere Welt als die, in der wir leben. Es gibt kein Danach, keine Auferstehung, kein Jüngstes Gericht, kein ewiges Leben, weil es Gott nicht gibt.
Dadurch aber ist an die Stelle der Jenseitshoffnung eine Diesseitsvergötzung getreten. Alles und noch mehr muss in dieses Leben hineingestopft werden. Diesseitsvergötzung aber kennt keine Hilfe und ist ratlos, wenn das Leben in Krisen gerät oder an Wendepunkten ankommt.
In unserer Seele jedoch bleibt - Gott sein Dank - eine Ahnung davon, dass Gott da ist. In ihm findet unser Leben Sinn und Ziel. Es liegt an uns, darauf acht zu geben, dass unsere Seele nicht zugemüllt wird - so sehr, dass für Gott kein Raum mehr bleibt. Durch Stille, Schweigen und Achtsamkeit können wir dazu beitragen, dass Gott in uns sein kann.
In unserer Welt der grellen Bilder, der schrillen Töne und der Ichbezogenheit führt der Weg zu Gott nach innen. Jesus hat gesagt: "Das Reich Gottes ist inwendig in euch." Martin Luther kommentierte diesen Satz so: "Du sollst die Seligkeit nicht außerhalb deiner selbst suchen. Nein, lieber Mensch, sie ist dir inwendig."
Nicht nur am Anfang unseres Lebens steht Gott als Schöpfer, sondern auch am Ende als Vollender. Gott schenkt uns das Leben. Wir können im Sterben auf ihn zählen. Er krönt unser Leben durch die Auferstehung aus dem Tod.
Noch sind wir dabei in dieser Welt, sehen zu, fiebern vielleicht auch mit bei den Spielen der Fußball-Europameisterschaft. Irgendwann aber wird unser Blick ein anderer sein. Wir werden eine völlig neue Perspektive haben.
Gott schenke es uns, dass wir dann zur Mannschaft der Gewinner gehören. "Unser Glaube ist der Sieg!"

(Volkmar Gregori ist Pfarrer der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Gleisenau.)