Vor kurzem sagte eine Frau nach der Begegnung mit einem der Neupriester dieses Jahres:
"Ewig schade, dass ein so attraktiver, intelligenter und sympathischer junger Mann Priester wird!" Vielleicht dachte sie sich: Er wäre sicher ein guter Familienvater geworden und hätte vielleicht eine wichtige Führungsposition in Politik oder Wirtschaft übernehmen können.
Ortswechsel: Cham, deutsch-tschechisches Priestertreffen Juni 2018. Anwesend sind jüngere, aber auch stahlgewittererprobte, noch in der Diktatur geweihte Mitbrüder.Dazu ein Berufssoldat der Bundeswehr,Oberstabsfeldwebel, der nach seiner Pensionierung mit 53 Jahren noch einmal die Schulbank drückt und nach sechsjähriger Priesterausbildung eine Pfarrei im Bistum Regensburg übernimmt. Wirklich arme Kerle??
Anselm Grün bringt es auf den Punkt:
"Viele Menschen heute meinen, Christ zu sein mache unfrei, nehme alles Schöne des Lebens weg. Aber so ist es nicht. Ich kenne zum Beispiel viele Helfer im Dienst der Notfallseelsorge. Ich glaube nicht, dass es diesen Menschen Spaß macht, in späten Nachtstunden Unfallstellen aufzusuchen und anschließend die Angehörigen vom Tod eines lieben Menschen zu informieren und im ersten Schock ihnen beizustehen. Diese Leute tun das, weil die Stimme Christi in ihnen ruft: "Du wirst gebraucht!" und sie in die Gemeinschaft beruft.
Es geht nun darum, Menschen auf das zu stoßen, was in ihnen schlummert, ihre Lebensmelodie, möglicherweise ein Ruf Gottes, der aber nicht wachsen darf, weil nicht wenige vor diesem Ruf davonlaufen und sich ihm nicht stellen möchten."
Geistliche Berufungen können aber oft nur geweckt werden und heranreifen, wenn sie in einer die geistlichen Berufungen bejahenden Atmosphäre in den Familien und Gemeinden eingebettet sind.
Wenn Gemeinden diese Gemeinschaft mit Jesus Christus pflegen, strahlen sie auch etwas aus; dann wird die Freude am Glauben andere ansprechen, neugierig machen und anstecken, selbst mit "entschlossener Entschlossenheit" dem Ruf Gottes zu folgen. Geistliches Leben ist nun mal wie ein Garten, der dann bunt und schön blüht, wächst und gedeiht, wenn man ihn nährt und ihn pflegt.
Wenn wieder mehr Frauen und Männer sich ganz für die besondere Nachfolge Jesu in einem geistlichen Beruf entscheiden - und dafür lässt es sich auch beten -, kommt die Kirche wieder zum Strahlen. Geistliche Berufe sind ein Kraftpotenzial der Kirche.
Eine gescheite Frau sagte kürzlich: Man kann kein Omelett zubereiten, wenn man keine Eier hat. So kann auch das Evangelium nicht zum Durchbruch kommen, wenn der Herrgott keine Frauen und Männer als Werkzeuge vorfindet.
Dabei gibt es nicht nur für Priester viel zu tun! Pastoral- und Gemeindereferenten, Religionslehrern und Sozialpädagogen zum Beispiel eröffnen sich zahlreiche Arbeitsmöglichkeiten.
Wäre es nicht denkbar, liebe Schulabgänger, vor dem Abflug zur Selbsterfahrung nach Australien die kostenlose Selbsterfahrung "praise night" auf dem Domplatz in Bamberg zusammen mit Gleichaltrigen auszuprobieren oder sich mal am Heinrichsfest umzusehen?

Ständiger Diakon Diethard Nemmert ist Erzbischöflicher Beauftragter für die Förderung Geistlicher Berufe (Dekanat Kronach).