Enteilt sind sie längst - die Jahre, als an langen Herbst- und Winterabenden Alt und Jung in der warmen Stube bei spärlichem Kerzenlicht beieinander saß. Während sich das Spinnrad drehte und die Spindel surrte, erklangen vertraute Weisen, wurde getanzt und allerlei Kurzweil getrieben.
Zu vorgerückter Stunde, wenn der Sturm an den Fenstern rüttelte, kramten die Alten immer wieder gern gehörte Geschichten aus der Truhe der Erinnerung. Selbst gestandenen Mannsbildern war es dabei nicht wohl zumute. Denn es ging um Tote und Geister, um Hexen, Irrlichter und Teufelsspuk. Die Jungen rückten enger zusammen und es rannte ihnen ein kalter Schauer über die Schultern.


Der Frankenwald und seine Sagen

Gerade in der Einsamkeit des alten Nortwaldes, wie der Frankenwald früher auch genannt wurde, entstanden viele Sagen, die ein Bild vermitteln vom naiven Sinn und Glauben unserer Vorfahren mit ihrem Hang zum Rätselhaften. Alte Frankenwäldler erzählen noch heute von mysteriösen Ereignissen und unheimlichen Begegnungen, die sie teilweise selbst erlebten oder die der Großvater, Ahn und Urahn überlieferte.
Geschichten rund um den Kreuzstein, die in eine Welt führen, die erfüllt war von Zauber, Traum und wirren Ahnungen.

Der greise "Flura", ein Einödbauer auf dem bewaldeten Bergrücken hoch über der Wilden Rodach raunt: "Am Kreuzstein geistert`s um Mitternacht." Er erinnert sich an Zeiten, als es in der Nähe von Wegkreuzungen, auf denen ein Kruzifix stand, nicht ganz geheuer zuging.
Nach damaliger Vorstellung trafen sich im magischen Umkreis die Hexen, um gemeinsam zum nächsten Tanzplatz oder zur Hexenversammlung an mondbeschienener Stätte zu reiten. Sie lauerten den Menschen auf und fügten ihnen Bosheiten und Schabernack zu.
Doch auch Hexenbanner, die Gegenspieler der Hexen, übten hier ihr Werk. Sie hoben Behexung auf, indem sie ein Kleidungsstück des Behexten vergruben. Und auch Krankheiten heilten am Kreuzstein auf ominöse Weise. Peinigte ein Zahn, so brauchte man ihn nur mit einem Holzspan ausschaben und diesen vergraben. Faulte das Holz, verschwand der Schmerz.
Auch den Leibhaftigen selbst konnte man an Kreuzungspunkten und Weggabelungen treffen. Hier empfing er die, die mit ihm ein Bündnis eingehen wollten. Es waren obskure Gestalten, die vergrabene Schätze suchten und mit ihrem Blut den Teufelspakt unterschrieben. An Ort und Stelle gruben sie noch in derselben Nacht nach dem lang ersehnten Reichtum, allerdings nur unter tiefstem Stillschweigen, da sonst die Schatzsuche erfolglos geblieben wäre.
Besonders gespenstisch war es in Zaubernächten oder in sogenannten Losnächten, die für Orakel, Liebes- und Wettervorhersagen besonders geeignet sein sollen. So konnte zum Beispiel an den Namenstagen von Andreas und Thomas oder an Heiligabend und Silvester in diesem gespenstischen Dunstkreis fast jeder Wunsch seine Erfüllung finden. Allerdings musste man dazu Sprechformeln kennen - und wehe dem, der sie verkehrt vortrug oder vergessen hatte. Ihm konnte von unsichtbarer Hand eine gehörige Tracht Prügel, das "Trochtament", verpasst werden.

Der alte "Siema" aus der Grümpel, ein Schelm im gottgesegneten Alter erzählt: "An der Kreuzung wuchsen die begehrten Zauberruten. Am Heiligabend um Mitternacht geschnitten, konnte man damit einen unliebsamen Zeitgenossen auch in Abwesenheit nach Herzenslust verdreschen, ohne Repressalien befürchten zu müssen". Fast flüsternd fährt er fort: "Wer die Befähigung hatte, riskierte in dieser Nacht einen Blick in die Zukunft. Von der Mitte der Kreuzung sah er, für wen im Lauf des Jahres das Sterbeglöcklein läuten werde. Nicht selten passierte es, dass sich derjenige selbst bei seinem eigenen Leichenzug erkannte".
An der Wegkreuzung kamen alle vorbei, die etwas zu verbüßen hatten. Da war der grausame Landvogt, der die Untertanen ausplünderte und ihnen das Leben zur Hölle machte, hier schlich der Schwede, der im Dreißigjährigen Krieg der leidgeprüften Bevölkerung als Feuerteufel Tod und Verderben brachte, dort jammerte der Bauer, der in schnöder Habgier den Grenzstein versetzte, um seinen Acker zu vergrößern. Der trug den "Raaschdaa" keuchend auf dem Rücken und stöhnte dabei um Mitternacht: "Wu soll ich denn den Schdaa hie du?" Von seiner Unrast erlöst wurde er erst dann, wenn ihm ein mutiger "Spätheimkehrer" den guten Rat gab: "Tunna hie, wuusdenna hä host!"

Weinpanscher huschten im Halbdunkel und stammelten vor sich hin: "Drei Schoppen Wein und ein Schoppen Wasser ergeben auch vier Schoppen Wein", die gleichfalls panschenden Bäuerinnen, deren Grundsatz es war: "Eine halbe Kanne Milch und eine halbe Kanne Wasser ergeben eine ganze Kanne Milch".
Der unglückliche Geizkragen wandelte hier wie der ewige Fuhrmann. Halsabschneider, Leichenfledderer und Meuchelmörder irrten ruhelos umher. In sternenklaren Vollmondnächten krabbelten aber auch Kobolde und Wichtelmännlein als "gute Geister" aus ihren Berghöhlen. Und Gnome und Elfen tanzten den Reigen.