Prof. Winfried Perseke geht in den Ruhestand. Er ist Maschinenbau-Professor an der Hochschule Coburg. Kein Historiker. Aber wenn er von seinen Erinnerungen erzählt, verbinden sich politisches Geschehen, Zeitgeist und Technikgeschichte.

Ein Automobil-Ministerium? Zu Sowjet-Zeiten gab's so was in Moskau tatsächlich und Prof. Winfried Perseke ist sogar einigen hochrangigen Vertretern dieses Apparats begegnet, als er 1987 mit einer Delegation in die UdSSR reiste. Auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt passierte die Gruppe aus Technikern und Unternehmensvertretern die Panzersperren von Chimki. Ein riesiges Mahnmal, das daran erinnert, wo Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg gestoppt wurde. Das beeindruckte Perseke. Und vieles andere: In der BRD der 80er Jahre war die Vorstellung von den Sowjets sehr negativ geprägt. "Aber dann trafen wir da ganz brave, nette Menschen. Überhaupt nicht furchteinflößend", sagt Perseke. "Mein Bild habe ich bei folgenden Reisen nach und nach der Realität angeglichen."

Michail Gorbatschow hatte Glasnost (Offenheit) als politisches Ziel verkündet, und wenig später fiel der Eiserne Vorhang. Noch ein wenig später, 1993, begann Perseke, als Professor der Hochschule Coburg zu lehren und zu forschen. In seiner Zeit beim Wälzlagerhersteller FAG in Schweinfurt hatte er viel erlebt. Er brachte Wissen und Erfahrung aus der Praxis mit und gab sie an Generationen von angehenden Ingenieuren weiter, er forschte und verwirklichte zahlreiche Projekte mit Industriepartnern: 27 Jahre war er an der Hochschule. Jetzt geht er in den Ruhestand.

Am liebsten Mathe und Physik

Geboren wurde Perseke 1954 in Stadtprozelten im unterfränkischen Landkreis Miltenberg. Später zog die Familie nach Bad Kissingen, hier machte er auch Abitur. Mathe und Physik gehörten zu seinen Lieblingsfächern. "Die Struktur und Klarheit der Naturwissenschaften haben mich immer überzeugt", sagt er. Er studierte Maschinenbau an der TH Darmstadt, wo er später auch promovierte. Von der Konstruktion war er als Student zunächst nicht sehr begeistert. Weil sie so zeitaufwendig ist - vergleichsweise auch noch heute trotz enorm hilfreicher Computertechnik. Was reizte ihn dann doch daran? "Man hat am Ende etwas geschaffen. Und wenn das in der Praxis in Stahl und Kunststoff umgesetzt wird, zeigt sich ganz deutlich, ob die Arbeit gut oder schlecht war." Bei FAG Kugelfischer, wo sich in den 80ern Geschäfte mit den Russen anbahnten, leitete er am Ende den Konstruktionsbereich. Auch an der Hochschule Coburg blieben Konstruktion, Produktentwicklung und Maschinenelemente seine Kernthemen.

"Technisch war mein Berufsleben natürlich sehr stark von der Entwicklung der Computer und der Digitalisierung geprägt", sagt er. Im Studium hatte er noch mit dem Rechenschieber gearbeitet. "Da hat sich in meinem Fach viel verändert." Und den ersten Internetanschluss hatte die Hochschule bereits Mitte der 90er Jahre. "Ein Kollege aus Schweinfurt hat mich damals extra in Coburg besucht. Um das Internet zu sehen!"

Perseke schätzt die digitalen Möglichkeiten, die heute durch die Corona-Pandemie in der Lehre verstärkt Einzug halten. "Mein letztes Semester war sehr spannend", sagt er. Und alle anderen? Auch. Der Professor hat viel bewegt: Während seiner Zeit als Dekan der Fakultät für Maschinenbau und Automobiltechnik wurde der Automotiv-Studiengang eingeführt, er leitete das Labor für Informations- und Wissensmanagement und vertrat Bayern im Länderausschuss des Fachbereichstages Maschinenbau. Als Lehrbeauftragter betreut er an der Hochschule Coburg auch weiterhin laufende Projekt- und Abschlussarbeiten und organisiert vorerst noch den Deutschlandpreis im Fachbereichstag Maschinenbau.

Und zu Hause in Bad Kissingen hat er jetzt mehr Zeit, mit seinen beiden technikbegeisterten Enkelinnen zu tüfteln. nat