Das Rauschen, das kurze Warten auf das Licht - und dann dieser Klang. Es gibt sie tatsächlich: Geräte, die vielleicht nicht für die Ewigkeit, aber mindestens für drei Generationen gebaut wurden. Heinrich Gehring, der ehemalige Bauamtsleiter der Stadt, hat eines der ersten Radios zu Hause aufgestellt, die in Kronach konstruiert und fabriziert wurden, direkt neben dem Esszimmertisch.

Es läuft MDR Thüringen, weil das einer der letzten Sender ist, die noch gut auf Ultrakurzwelle auf dem 68 Jahre alten Radio zu empfangen sind. "Bayern 1 rauscht schon etwas", sagt er und weiß, dass sein Rheingold Kult ist und den Beginn einer Ära der Hochtechnologie im Landkreis eingeläutet hat.

Ein Dachbodenfund mit Geschichte

Repariert hat den Dachbodenfund vor neun Jahren Heinz Kraus aus Theisenort. Der ehemalige Entwickler setzt sich immer noch mit der Geschichte seines ehemaligen Arbeitgebers auseinander. Kurz vor Weihnachten scannt er einige Dokumente ein, die er an den FT weiterleitet. Eines davon zeigt die Vision Loewes, als das Radio und nicht der Fernseher den Mittelpunkt der Unterhaltungskultur im Wohnzimmer darstellt.

Es ist das Jahr 1948, als die West-Berliner Firma Opta Radio AG an die Zukunft denken muss. Sie folgt einem Trend in der Branche. Viele Mitbewerber, wie Telefunken und Blaupunkt, suchen ihr Wirtschaftswunder im Westen. Es ist kurz nach der Berliner Blockade, bei der sich eine Zweistaatenlösung unter den Besatzungsmächten abzeichnet. Ein Werk eröffnet Loewe in Düsseldorf, ein zweites in der unter den Kriegswirren leidenden Porzellanfabrik Edelstein in Küps. Als ein Jahr später die Porzellanfabrik ihre Kapazitäten wieder aufstockt und die Halle für ihre eigenen Zwecke braucht, zieht Opta kurzerhand nach Kronach.

Doch Kilian Steiner, der die Unternehmensgeschichte niedergeschrieben hat, nennt einen triftigeren Grund: das Holz des Frankenwalds. Bakelit war nach dem Zweiten Weltkrieg rar. Also konzentrierte sich das Technikunternehmen auf Holzgehäuse, die auch Heinrich Gehrings Rheingold das unverwechselbare Design verleihen.

Zudem war die Region reich an Arbeitskräften, die 15 Prozent weniger Lohn verlangten als ihre Düsseldorfer Kollegen. Die Arbeitslosigkeit im Frankenwald war zu dieser Zeit extrem hoch. In Küps hat die Firma, wegen des Mangels an Produktionsmitteln, Holzlampen und Schürhaken hergestellt und landwirtschaftliche Maschinen repariert. Im Firmen-Museum taucht sogar eine original Loewe-Kartoffelpresse auf. Einen Bausatz für ein Radio gab es später aber auch, berichtet Heinz Kraus. Das "Kronach"-Radio kündigte bereits die nahende Entscheidung an. Der Umzug nach Kronach sollte den Umbruch einleiten. Auf einem eigenen Gelände, mit zukunftsweisenden Entwicklern.

Es sind Zeiten des Umbruchs für die Firma, wie für ganz Deutschland. Siegmund Loewe kommt aus dem Exil zurück und wird wieder als Eigentümer eingesetzt. Das Küpser Zweigwerk und später das Kronacher leitet zu jener Zeit Bruno Piper. Kilian Steiner berichtet davon, wie Ex-Vorstandsvorsitzender und NSDAP-Mitglied Wilhelm Riedel im Hintergrund noch immer ein paar Jahre Einfluss auf das Unternehmen Loewe hatte, bevor Piper eine neue Ära einleitete. Die Kartoffelpressen sind bald Geschichte und Loewe konzentriert sich wieder auf das, was es ausgezeichnet hat: die Produktion von Radiogeräten.

Auf 70 000 vollkommen unerschlossenen Quadratkilometern entstehen 1948 die zwei Hallen für rund 250 Mitarbeiter, schreibt Heimatforscher Gerd Fleischmann in seiner Abhandlung der Loewe-Geschichte. Die jetzige Industriestraße entstand zu jener Zeit aufgrund einer Tragödie. Sechs Arbeiter des jungen Werks sterben an einem unbeschrankten Bahnübergang im Bus, der sie zu ihrer Schicht bringen sollte.

Der Neubeginn glückt

Doch die Produktion lief weiter, und das Symbol für jene Neugründungsjahre steht bei Heinrich Gehring im Wohnzimmer: das Rheingold. 30 000 Radiogeräte verkaufte die umgetaufte Loewe Opta im Jahr 1949. 60 000 schon ein Jahr später. Die Folgemodelle heißen Gildemeister und Ratsherr, Venus und Meteor. Die Mitarbeiterzahl wächst rasant auf mehr als 500 an. 1951 folgt das erste Cassetten-Tonbandgerät der Welt, und die Produktionslinie kommt langsam in Fahrt, mit der die Firma berühmt werden sollte - der Fernseher. 1948 war das Jahr, als Loewe angekommen ist.