Einer Frau muss Sebastian Alsdorf einst sehr unheimlich gewesen sein. Tätowierungen, dicke Ringe an den Fingern, lange Haare - das alles wird sie als nicht vertrauenserweckend bewertet haben. Sie brabbelte etwas von Jinx, zog ihr Kind aus seiner Nähe fort und sorgte so für die Geburtsstunde eines Künstlernamens: DJ HiJinxx. Ein merkwürdiger Begriff, so wie der Träger selbst. Merkwürdig im guten Sinn.


Von Helsinki bis Hollywood

Helsinki, Hollywood, Los Angeles, San Francisco, Stockholm, Paris - es gibt Metropolen, an denen der Lichtenfelser Wirt des "Paunchy Cat"s seinen Geschmack über Lautsprecher schickt. Er ist DJ (Discjockey). Der Künstlername des 35-Jährigen ist die Abmilderung einer Recherche. Als Alsdorf das Wort Jinx vernahm, machte er sich daran, die Bedeutung des Wortes im Internet zu recherchieren. Jetzt wusste er, dass er für einen bösen Geist gehalten wurde. Ein solcher muss man ja wohl sein, wenn eine Frau ihr Kind von einem wegzieht. Also warum nicht diesen Namen im 80er Stil aufpeppen, ein zweites x anfügen und sich in einer Mischung aus Akzeptanz und Belustigung für einen großen Geist (High) ausgeben? Der Künstlername HiJinxx war geboren. Doch im Grunde beruht alles nur auf einem Zufall und einer Gelegenheit. Die Spur führt nach Hausen. "Dort ist es dann einfach passiert."


Spurensuche im "Zebra"

Rückblende: 2001, das "Zebra" in Hausen, Treffpunkt für Jugend und Sound - ein weites Feld für Musik vieler Art. Als Alsdorf mit Freunden unterwegs ist und ein in dieser Nacht eher leeres "Zebra" vorfindet, lässt er den Blick schweifen. Dort, in der Ecke, steht ein Zweikanal-Mischpult. Die halbe Miete. Die andere halbe kramt der junge Mann aus seiner Erinnerung hervor: Hat er an diesem Abend nicht zufällig seinen CD-Koffer dabei? Er hat. Also fragt er, ob er auflegen darf, wissend, dass sein Geschmack eigen ist. Der 35-Jährige drückte es heute so aus: "Da du die Musik, die ich gehört habe, nirgends antrafst, habe ich eine Marktlücke bedient."
Was Alsdorf unter Marktlücke zusammenfasst, ist Underground-Rock 'n' Roll, ein Stück Ehrlichkeit und Rohheit abseits formatierter Hitparaden, Wurzelpflege des Rock mit Garagenband-Romantik, kurzum: geliebt-gelebtes Klischee. Es sollte ihm gelingen, im "Zebra" diese Marktlücke aufzulegen. Unter "The Great Rock 'n' Roll Swindle Party" (Die große Rock 'n' Roll-Schwindelei-Party). Der Name ist für Szene-Kenner ein köstlicher Witz, denn tatsächlich gibt es fiktionale Dokumentarfilme, die Dokumentarfilme parodieren. Einer hieß The Great Rock 'n' Roll Swindle und handelte von der legendären Punkband Sex Pistols. Helden der Szene, der 70er und von Sebastian Alsdorf. Dass er für diese Partys ausgerechnet das widersprüchliche Bild fiktionaler Dokumentation aufgriff, mag etwas über ihn erzählen: In Alsdorfs Ernst scheint eine Leichtigkeit vorhanden und in seiner Leichtigkeit ein Ernst.
Nach und mit den Swindle-Partys wuchs der Mut, in Richtung DJ zu gehen. Und er ging nach Coburg, Bamberg und irgendwann sogar erstmalig ins Ausland - nach Stockholm. "Wenn die Situation sich präsentiert, musst du vor Ort sein", so das Credo des gelernten Verfahrensmechanikers. Sechs, sieben Jahre lang war er DJ im Hauptberuf. Auch heute ist er noch begehrt, was sich an jährlich über 100 Anfragen erweise. Er könnte mehr machen, sagt der gebürtige Suhler, "aber ein herzloses Party-Publikum zu bedienen habe ich kein Interesse".
Er wolle Wertschätzung für Musik. "Für einen hackevollen Laden mit Mitgrölern die Juke-Box zu spielen", habe er keine Lust. Mit dem Gedanken, wonach man DJ erlernen könne, fremdelt er. Vieles geschehe über das Ausprobieren und die Erfahrung. "Natürlich wird man professioneller und abgestumpfter", so Alsdorf.


Mit dem Willen zum Lernen

Wann und wie man durch Veränderung des Tempos einem Song mehr Attraktivität verpasst, wie man ihn klanglich nuanciert, das lerne man beim Tun. Auch wie man den Bass rausnehmen kann, um eine Stimme zu isolieren. Das sollte dann aber auch reichen, denn im Grunde ist zu viel Manipulation an einem Song "Blasphemie". Denn: "Einen guten Song soll man belassen." Verpflichtend sei für einen DJ der Wille zum Lernen. "Du musst, wenn du gut und kreativ sein willst, der Musik immer hinterher sein und dich einlesen."
Von der Existenz von DJ-Schulen weiß der Lichtenfelser nichts. "Wenn es eine gibt, hat es mich nie interessiert." Dazu, wie man Songübergänge baut, habe er selbst experimentiert und das mit dem Einlesen betreibt er gerne. Mitunter wirkt sein Bandwissen enzyklopädisch. DJ-Vorbilder habe er nicht, er kenne noch nicht einmal das Schaffen der berühmten DJ Marusha und Westbam. Sensibel für die Stimmung, die beim Publikum auf der Tanzfläche umgeht, müsse man sein. So ein bisschen Zeremonienmeister ist ein DJ ja doch. Wollen sie heftiger tanzen? Ruhiger? Wäre dieser oder jener Song befeuernd oder das Gegenteil? "Das ist das Schlimmste, wenn du musikalisch nicht auf derselben Wellenlänge mit den Leuten auf der Tanzfläche bist. Wenn du Pech hast, kommen Leute, die nur Radio hören und die Neuem gegenüber verschlossen sind."
Lampenfieber? "Ja, wenn du in bekannten Läden in Hollywood stehst, dann denkst du dir: Puh, hoffentlich hängt sich jetzt keine CD im Player auf." Vor einem Malheur kann man sich auch schwer schützen. Einmal kippte ein Betrunkener sein Glas über die Steckdose - alles war dunkel. Rock 'n' Roll-Anekdoten böte ein DJ-Leben auch. Einmal, so Alsdorf, habe er erfahren, dass sich zehn Lichtenfelser per Bus auf den Weg zu seinem Auftritt nach Kopenhagen gemacht haben. Diese angenehme Gesellschaft wollte sich der DJ nicht entgehen lassen. "Ich bin einfach nicht im Flieger aufgetaucht und im Bus mitgefahren."