Wolfgang Schoberth

"Anfang November 1815 tritt der Winter ein, Frost, Hagelschlag und Regen wechseln sich ab. Die Winterbestellung ist sehr beschwerlich oder bleibt ganz im Schlamme stecken. Auch im Frühjahr regnet es weiterhin, Hagel und Gewitter kommen dazu. Der Samen geht nicht auf oder verfault am Halm. In Melkendorf stehen 14 Wochen lang alle Wiesen unter Wasser. Allein auf den Anhöhen bei Trebgast, Waizendorf, Ködnitz, Veitlahm und Kupferberg erfolgt eine mäßig Ernte."
So liest man in einem Büchlein über die "Theuerung und Noth in den Jahren 1816 und 1817", das zu den bibliophilen Kostbarkeiten des Kulmbacher Stadtarchivs zählt. Verfasst hat es Johannes Apollonius Peter Weltrich, der als Rentamtsmann fast 40 Jahre dem Kulmbacher Finanzamt vorsteht.


Ausgeblutetes Land

Weltrich zeigt, dass die katastrophalen Missernten das ehemalige Fürstentum Brandenburg-Bayreuth-Kulmbach besonders hart treffen: Die Franzosen haben die Region nach ihrer Besetzung 1806 ausgeplündert. Viele junge Männer, die sich an den Befreiungskriegen beteiligt haben, sind dem Land als Arbeitskräfte entzogen worden. Als Napoleon endgültig 1815 bei Waterloo besiegt ist, stehen die staatlichen Speicher leer. Und das Wenige, das neu in die Kammern kommt, verschlingen die in Bayreuth stationierten Regimenter oder dient der Alimentierung der Beamten.
Die galoppierende Verteuerung trifft die Armen am stärksten. Die königlich-bayrische Regierung greift zu Notmaßnahmen. Sie verteilt Kartoffeln, Mehl, Brot und Schmalz als Almosen. In der Stadt Kulmbach zum Beispiel erhalten sie 36 Wochen lang drei bis acht Pfund Brot wöchentlich. In Schwarzach, Schmeilsdorf und Untersteinach zahlt der Gemeindevorsteher an die Armen einige Pfennige aus, um sie vor dem drohenden Hungertod zu bewahren.
Kein Mensch weltweit hatte 1816 eine Ahnung von der Ursache des verheerenden Klimaeinbruchs. Erst die heutige Wissenschaft ist zu einer komplexen Erklärung in der Lage: Am 12. April 1815 brach der 4000 Meter hohe Schichtvulkan Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa östlich von Java und Bali aus. Weitere Eruptionen in der Stärke 7 folgten. Der Vesuv-Ausbruch 79 nach Christus hatte im Vergleich dazu nur die Stärke 5. Es war der größte Vulkanausbruch in geschichtlicher Zeit, bei dem rund 60 Kubikkilometer Staub, Asche und Gestein 2850 Meter in die Stratosphäre geschleudert wurden. Der Mont Tambora, ursprünglich ein Viertausender, ist danach nur mehr 2850 Meter hoch. Ein beispielloser Masseverlust.
70 000 Menschen im unmittelbaren Umkreis verbrannten, erstickten oder starben in den Folgemonaten an Hunger oder Krankheiten. Passatwinde verteilten die fluor- und schwefelhaltige Wolke rund um den Erdball. Dies führte zu Verdunkelung, sintflutartigem Regen und Kälte auch im Sommer. Der Klimaforscher Gillen D'Arcy Wood spricht in seinem Buch "Vulkanwinter 1816" von einer "kleinen Eiszeit". König Max I. Josef versucht mit fiskalischen Maßnahmen der Nahrungsmittelnot zu begegnen: die Einfuhrsteuer bei Getreide fällt weg, die Ausfuhr wird mit einem astronomischen Steuersatz belegt. Auf jede "Metze" (etwa 25 Liter) Weizen, Erbsen, Kartoffeln, Mehl wird ein Gulden daraufgesattelt.
Der Regulierungsversuch scheitert krachend. Der Schwarzhandel blüht, Kornschieber bereichern sich hemmungslos. Weltrich vermerkt, dass der Getreidemarkt von Kulmbach 1816/17 "nicht geringer befahren" werde als vorher (jeweils zirka 2000 Scheffel), allerdings die Händler für ein Scheffel den Wucherpreis von 30 Gulden verlangten.
Der Großteil der Kulmbacher Einwohner darbt. Die Bauern schlagen ihren Wald kahl oder verschulden sich, um das teure Saatgut kaufen zu können.
Im Umland müssen viele monatelang ohne Brot und Kartoffeln auskommen. Um überhaupt etwas in den Magen zu bekommen, werden Spreu, Stroh und Rinde vermahlen, zu einem Teig gerührt und gebacken. Viele ernähren sich von Kohl, Schwämmen, Hederich, Kernkraut, Wegerich, Ochsenzunge, Schafmäulern, Nesseln und jungen Disteln. Häufig werden auch Schnecken gekocht. Bei ihrer Suche nach essbaren Wildpflanzen werden die armen Teufel oft von Feldern und Wiesen verjagt, da die Eigentümer selbst ums Überleben kämpfen.
Der Gesundheitszustand breiter Schichten ist erbärmlich: Entkräftung, abgemagerte Gesichter, geschwollene Glieder, aufgedunsene Leiber. In Kirchleus sterben viele an Unterernährung. In Gumpersdorf grassiert die Ruhr, in Wirsberg, Kupferberg, Ludwigschorgast und Kupferberg das Nervenfieber. Dort werden allein im August 35 Bewohner an "epidemischer Dysenterie", an Brechdurchfall, dahingerafft.


Kriminell - und fromm

In Ludwigschorgast verschärft sich das Hunger-Problem dramatisch, als Ende 1816 fast der komplette Viehbestand dahinsiecht. Auch in Kulmbach steigt die Zahl der Toten sprunghaft an. Die Notzeit lässt die Kriminalität ansteigen. "Gestohlen wird alles, was man zum Essen findet. Wucher, Mord, Hartherzigkeit nahmen zu", so notiert Weltrich. Das öffentliche Leben erstarrt. "Die Jugend verschwindet von Plätzen, Bierschänken stehen leer, Tanzmusik verstummt". Der Frömmigkeit tut dies keinen Abbruch, im Gegenteil: der Kirchenbesuch nimmt zu. In den Kirchen werden täglich die Glocken geläutet und Bittgottesdienste abgehalten. Manche Pfarrer sehen in dem Elend ein Strafgericht Gottes und mahnen von der Kanzel eine Bewährung im Glauben an.
Ein Geistlicher, der nicht nur von "Prüfung in Notzeiten" spricht, sondern hilft, ist der Marktschorgast Pfarrer Johann Neuner. Fast ein halbes Jahrhundert bis zu seinem Tod im November 1838 ist er Seelsorger in der Marktgemeinde. Er nimmt Kranke und Obdachlose auf und organisiert eine Armenküche. Die Zeitgenossen rühmen seinen unermüdlichen Einsatz für die Notleidenden, der bayerische König Ludwig I. ernennt ihn zum Geistlichen Rat.
"Er verließ seine Gemeinde nie, selbst unter den schwierigsten Umständen nicht. Er half mit Rat und Tat. Er gab alles hin und hatte selbst nichts, um seinen Hunger zu stillen. Zu Grabe geleiteten die Leiche Katholiken und Protestanten gemeinsam", heißt es im "Neuen Nekrolog der Deutschen", in den bedeutende Geistlichen aufgenommen werden.