Was Bernd Nageisky am 11. April bei einem Spaziergang im Häslichgrund entdeckte war so selten wie beunruhigend. Bei den Fischbacher Teichen an der Engelsquelle hatte sich ein Fischadler in einem Netz verfangen und an beiden Flügeln schwer verletzt.

Der Greifvogel wurde durch den Teichbesitzer Andreas Gutmann aus seiner prekären Lage befreit. Inzwischen war auch Ulrich Leicht, der Leiter der Greifvogelauffangstation des Landesbundes für Vogelschutz (LBV), hinzugerufen worden. Bernd Nageisky brachte das Tier zusammen mit Leicht in die Tierärztliche Klinik nach Lautertal zu Dr. Bernd Wicklein.

Nach der ersten Versorgung kam der große Vogel in die Greifvogelauffangstation in Neu-Neershof, wo er von Ulrich Leicht und seinen Helfern Sabine und Thomas Feulner liebevoll wieder aufgepäppelt wurde. Die Greifvogelstation des LBV versteht sich als Vogelkrankenhaus und hat zum Ziel, verletzte und flugunfähige Greifvögel aus freier Wildbahn gesund zu pflegen und wieder frei zu lassen.

Der Fischadler ist eine eher kleinere Adlerart, jedoch etwas größer als der Mäusebussard und an der Brust auffällig weiß gefärbt. Wie der Name schon andeutet, ist er ein spezialisierter Fischjäger. Im Raum Coburg ist er regelmäßig Gast am Goldbergsee, wo man ihn gut beobachten kann, wenn er sich imposante Brocken aus dem Gewässer heraus angelt. Allerdings ist er (noch) kein Brutvogel bei uns. In Bayern brüten laut LBV gerade mal eine Handvoll Fischadler und das nur im Osten des Freistaats. Daher gilt er nach der Roten Liste als "vom Aussterben bedroht". Bis Mitte des 20. Jahrhunderts war der Fischadler in Bayern ausgerottet. Die damaligen Gründe: menschliche Verfolgung und über seine Nahrungskette angereicherte Umweltgifte. Inzwischen ist jedoch ein Aufwärtstrend erkennbar. Für den langjährigen Stationsleiter Ulrich Leicht ist der Fischadler ein seltener Patient. "Es ist erst der dritte Fischadler in fünfzig Jahren, der bei uns im Vogelkrankenhaus gelandet ist und den ich gesund pflegen und freilassen konnte", sagt er.

Bei der Pflege des Fischadlers unterstützten die Fischzucht Vondran in Seidmannsdorf und die Fischzucht Krappmann in Seehof mit frischen Forellen und Karpfen, um den Fischadler artgerecht füttern zu können. Am 24. April wurde der Fischadler dann von Ulrich Leicht beringt und in die 20 Meter lange Reha-Voliere umquartiert. Nach den ersten erfolgreichen Flugversuchen folgte das, was die Naturschützer am liebsten tun: Der wieder genesene Fischadler wurde am 29. April abends gegen 18 Uhr am Goldberg in die Freiheit entlassen. Der Vogel startete unverzüglich in seine Freiheit, flog bis in den Horizont und verschwand im Himmel über Thüringen. "Das sind die Highlights unserer Arbeit", stellte Ulrich Leicht hocherfreut fest! Einen Kurzfilm, der die Freilassung des Fischadlers zeigt, findet man auf der Homepage des Vereins unter www.coburg.lbv.de.

Halbes Jahrhundert für Vögel da

Seit über 50 Jahren besteht die Vogelauffangstation des LBV Coburg in Neu-Neershof. Ziel der Einrichtung ist, verletzte und flugunfähige Greifvögel, Eulen und andere Großvögel gesund zu pflegen und wieder in die Freiheit zu entlassen. 1969 pachteten vier aktive Mitglieder der alten "Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft Coburg" die ehemalige Schlossgärtnerei des Schlosses Neuhof, um dort ihre Greifvögel zu halten und kranke Vögel zu pflegen. Die Anlage, die dem Forst- und Domänenamt Coburg (heute Forstbetrieb Coburg der bayerischen Staatsforsten) gehört, wurde wieder instand gesetzt und es wurden Volieren gebaut. 1989 übernahm einer der Gründer der Station, Ulrich Leicht, die Betreuung der gefiederten Patienten allein.

Für die unermüdliche tägliche Arbeit - zum Beispiel Füttern, Säubern, Auswildern, Entgegennahme und Abholen von Vögeln zu jeder Tages- und Nachtzeit, Unterhaltung der Station/Flächenpflege und Umweltbildung - bekam Ulrich Leicht das Bundesverdienstkreuz verliehen und zahlreiche andere Auszeichnungen. Nun möchte er kürzertreten und bildet deswegen derzeit ein Nachfolgerteam verschiedener Altersgruppen aus, das von Sabine und Thomas Feulner angeleitet werden soll.

Im Jahresdurchschnitt werden in die Greifvogelauffangstation zwischen 50 und 100 Tiere gebracht, die zum Beispiel im Straßenverkehr, an Stromleitungen oder an Fensterscheiben verletzt wurden. Manche sind so schwer verletzt, dass sie eingeschläfert werden müssen. Über 60 Prozent können aber wieder frei gelassen werden. Alle Vögel werden registriert und beringt. Der häufigste Patient ist der Turmfalke, gefolgt vom Mäusebussard und Waldkauz. Mehrmals wurden auch schon vom Zoll beschlagnahmte Vögel vorübergehend in der Auffangstation untergebracht. Das Einzugsgebiet der Auffangstation umfasst Teile Ober- und Unterfrankens, aber auch die Landkreise Sonneberg und Hildburghausen, mit deren Naturschutzbehörden an den Landratsämtern eng kooperiert wird.

Das Futter der gefiederten Patienten und die Instandhaltung des Vogelkrankenhauses versucht der LBV Coburg mit Spenden zu finanzieren. Der gemeinnützige Naturschutzverein freut sich über jede Unterstützung. red