Der Busfahrer bringt es auf den Punkt: "Unter diesen Arbeitsbedingungen muss sich niemand wundern, wenn keiner mehr den Job machen möchte". Seit 30 Jahren sitzt er hinter dem Lenkrad, eine ganze Weile davon für die Stadtwerke Bamberg. Der Alltag stressig, die Fahrzeiten für die Strecken zu knapp bemessen, manchmal reiche es nicht mal für die Pinkelpause.

Ein weiterer langjähriger Kollege bemängelt, dass der Stress mit genervten Fahrgästen auf die Psyche schlage. "Dazu kommt noch, dass die Schichten am Wochenende nicht familienfreundlich sind", gibt er zu bedenken. Doch heute Morgen steuern die beiden die Busse nicht durch die Weltkulturerbestadt, sondern stehen mit 70 weiteren Kollegen auf dem Hof des Busdepots an der Georgenstraße. Auf ihren Warnwesten prangt das Logo der Gewerkschaft Verdi. Die Busse bleiben in den Hallen. Denn es ist deutschlandweiter Warnstreik für bessere Arbeitsbedingungen im öffentlichen Nahverkehr. Und mit diesem Streik wollen die Gewerkschafter die Arbeitgeber überhaupt an den Tisch bringen, um den neuen Tarif zu verhandeln.

"Arbeitszeitreduzierung ist das Thema der Stunde!", ruft Verdi-Mann Dirk Schneider in das Megafon. Angesichts der 10 000 Überstunden, welche die Belegschaft von 164 Busfahrern allein in Bamberg angehäuft hätten, brauche es dringend Entlastungen bei der wöchentlichen Arbeitszeit. Eigentlich stehen momentan 38,5 Stunden im Vertrag. Faktisch läge die Arbeitszeit zwischen 41 und 42 Stunden pro Woche. "Viele Menschen wissen nicht, wie belastend euer Dienst ist", betont der Gewerkschafter. Außerdem würden bis 2030 deutschlandweit 100 000 neue Beschäftigte gebraucht.

Frage der Verteilung

Konkret fordert Verdi in Bayern eine Wochenarbeitszeit von 35 Stunden bei vollem Lohnausgleich sowie weitere Verbesserungen, um die Arbeit attraktiver zu machen. Dass während der Corona-Krise kein Geld für bessere Bedingungen und Bezahlung der Busfahrer da sei, lässt Schneider nicht gelten: "Es ist eine Frage der richtigen Verteilung, damit der Beruf aufgewertet wird."

Dem stimmt auch Stephan Kettner vom Netzwerk Attac zu: In Zeiten von Cum-Ex-Skandalen und Steuerhinterziehungen internationaler Unternehmen gehe es um Verteilungsgerechtigkeit zugunsten der Beschäftigten. "Ihr habt nicht nur die Aufgabe, Menschen von A nach B zu bringen, sondern ihr bringt auch die Verkehrswende voran", bekräftigte Kettner die Rolle des ÖPNV. Nur mit einer Aufwertung des Berufes könnten Treibhausgasemission reduziert werden, wenn der Autoverkehr zugunsten des öffentlichen Nahverkehrs zurückgehe.

"Effektiver Klimaschutz erfordert, dass wir den Nahverkehr ausbauen und das geht nur mit guten Arbeitsbedingungen", ist sich auch Luca Rosenheimer von Fridays for Future sicher. Die Klimabewegung und Attac arbeiten gemeinsam mit Verdi seit Monaten zusammen, um auf den Beginn der Tarifkämpfe vorbereitet zu sein.

Am Zentralen Omnibusbahnhof hängt ein Banner mit den Worten "Dieser Betrieb wird bestreikt". Vereinzelt warten Fahrgäste auf ihre Busse in den Landkreis, welche vom Streik nicht betroffen sind. Doch wie sieht der Schulweg heute aus? Die Schulen und Eltern wurden bereits am Vortag informiert. Während Markus Knebel, Direktor des E.T.A.-Hoffmann-Gymnasiums, keine Einschränkungen oder Beschwerden wahrnahm, da die Schüler per Fahrrad oder Fahrgemeinschaft zur Schule gekommen seien, weiß Schulleiterin Andrea Welscher von vereinzelten Fällen, wo Kinder nicht erschienen sind. "Von Bischberg oder Gaustadt ist der Weg zu weit, um zu laufen, und manche Kindern konnten nicht von ihren Eltern gefahren werden", erklärt die Direktorin der Graf-Stauffenberg-Realschule. Beide Lehrkräfte empfanden die rechtzeitige Information durch die Gewerkschaft als hilfreich.

Dies betont auch Jan Giersberg gegenüber unserer Zeitung. Der Pressesprecher der Stadtwerke sprach gestern im Zusammenhang mit dem Warnstreik von nur vereinzelten Beschwerden der Kunden, die vorangegangene Kommunikation habe hier positive Wirkung gezeigt. In den sozialen Medien habe er auch durchaus eine gewisse Wertschätzung für die Dienstleistung ÖPNV vernommen. Im Übrigen begründet Giersberg die anfallenden Überstunden bei den Busfahrern auch mit dem hohen Krankenstand und der Schwierigkeit, überhaupt neue Fahrer zu finden. Aktuell suche man fieberhaft nach Personal. Bei den Stadtwerken gehe man davon aus, dass der Regelbetrieb bei den Buslinien heute wieder normal laufe.

Hochkochende Reaktionen

Zurück zur Kundgebung: "Lasst euch nicht auseinandertreiben!", bestärkt DGB-Jugendsekretär Claas Meyer die Streikgemeinschaft mit Blick auf die in den sozialen Medien teils hochkochenden Reaktionen von Unverständnis für die Arbeitsniederlegung. Die Busfahrer hätten einen verantwortungsvollen Job, bei welchem sie sich in der Corona-Krise besonderer Gesundheitsgefahr aussetzen müssten, so Meyer. Diese Anstrengung erfordere bessere Arbeitsbedingungen.

Der eintägige Warnstreik für den Nahverkehr - auch weitere Tarifkämpfe im öffentlichen Sektor stehen bevor - wird vermutlich nicht der letzte gewesen sein. Gewerkschafter Schneider ist sich bewusst: "Es wird ein harter Kampf, aber der Auftakt gibt uns Mut."