C orona-bedingt ruht seit Mitte März der Betrieb am E.T.A.-Hoffmann-Theater. Nach Wochen des Hoffens und Bangens entschied sich Intendantin Sibylle Broll-Pape jetzt für einen radikalen Schnitt. Wann wird sich im E.T.A.-Hoffmann-Theater der Vorhang das nächste Mal heben?

Sibylle Broll-Pape: Wir gehen ganz fest davon aus, Anfang Oktober in die neue Spielzeit zu starten.

Was hat Sie dazu bewogen, die laufende Saison vorzeitig zu beenden?

Bis zum 31. August sind größere Veranstaltungen untersagt. Das haben die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten am Mittwochabend unmissverständlich klargemacht.

Das konnten Sie doch noch gar nicht wissen, als Sie die laufende Saison bereits am Mittwochvormittag für beendet erklärten.

Zunächst einmal habe ich das nicht alleine beschlossen, sondern in Absprache mit dem Oberbürgermeister und dem Kulturreferenten. Ich hatte aber nicht daran gezweifelt, dass das Veranstaltungsverbot weiter ausgedehnt wird. Nichts wäre schlimmer, als sich mit falschen Hoffnungen über die nächsten Wochen zu hangeln. Wir alle im Theater brauchten jetzt einen klaren Schnitt. Wir sammeln jetzt zwei Monate unsere Kräfte und beginnen dann im Juli mit voller Kraft mit den Proben für die neue Saison. Im Oktober legen wir dann so richtig los. Die neue Saison wird sehr intensiv. Wie schwer fiel Ihnen die Entscheidung?

Sehr schwer. Wir Theatermenschen wollen spielen, spielen, spielen.

Was, wenn Proben auch im Juli und August nicht erlaubt sein sollten?

Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Ich will auch gar nicht darüber nachdenken.

Denken Sie über alternative Aufführungsformen nach: beispielsweise das Streamen von Premieren?

Wir streamen auf unseren Social-Media-Kanälen ältere Stücke. Grundsätzlich bin ich der Überzeugung, dass Theater nicht online stattfinden kann. Theater benötigt einen Bühnenraum und vor allem auch ein anwesendes Publikum.

Wie gehen Sie mit bereits verkauften Tickets um?

Tickets können an der Theaterkasse gegen Gutscheine umgetauscht werden.

Wie verhalten Sie sich gegenüber den Abonnenten?

Auch sie haben die Möglichkeit, sich ausgefallene Vorstellungen gegen Gutscheine erstatten zu lassen. Ich hoffe aber, dass möglichst viele Abonnenten von diesem Recht keinen Gebrauch machen werden. Sie würden das E.T.A.-Hoffmann-Theater damit in dieser schwierigen Situation sehr unterstützen.

Wie hoch sind die Verluste?

Wir verlieren inklusive der Calderón-Spiele circa 350 000 Euro an Einnahmen. Das sind gut die Hälfte der jährlichen Eintrittsgelder. Wir hatten bislang eine wahnsinnig gute Spielzeit mit einer Auslastung von 90 Prozent und wären normalerweise mit Glanz und Gloria aus der Spielzeit herausgegangen.

Daraus wird jetzt nichts.

Nein, und das schmerzt mich sehr. Zudem wurde unser Haus zu fünf großen Theaterfestivals in Deutschland eingeladen. Auch diese Einladungen fallen dem Virus zum Opfer. Das tut richtig weh. Ich bin enttäuscht und traurig. Aber es hilft ja nichts. Es muss weitergehen. In welchen finanziellen Schwierigkeiten steckt das Theater?

Wir versuchen zu sparen, indem wir einige für die nächste Saison geplanten Produktionen streichen und in dieser Spielzeit vorbereitete Inszenierungen zur Premiere bringen. Aber das alles wird uns die Verluste nicht aufwiegen können. Völlig ungewiss ist auch, wie sich der Abo-Verkauf entwickelt. Haben die Menschen noch Geld und Muße für das Theater? Wir können es nur hoffen.

Welchen finanziellen Beitrag müssen die Schauspieler leisten?

Sie werden im Mai und Juni aller Voraussicht nach in Kurzarbeit gehen. Das verschafft dem Theater etwas Erleichterung. Allerdings verhandeln die Künstlergewerkschaften gerade noch mit den öffentlichen Arbeitgebern, ob Kurzarbeit überhaupt möglich ist.

Wird das Ensemble kleiner?

Ja, dazu sind wir gezwungen. Die drei im Sommer frei werdenden Stellen im Ensemble werden wir mit nur zwei Schauspielern ausgleichen. Eine Stelle sparen wir ein.

Was ist mit den Technikern?

Wir haben in den vergangenen Wochen viele Wartungsarbeiten im Haus vorgezogen und werden das auch weiterhin tun. Unsere Techniker waren und sind also beschäftigt. Im Mai und Juni werden aber auch sie teilweise in Kurzarbeit gehen.

Was erwarten Sie sich von der Stadt Bamberg?

Dass sie uns finanziell unter die Arme greift. Ja, wir werden sparen. Aber ganz ohne die Unterstützung der Stadt werden wir uns aus der jetzigen Situation nicht befreien können.

Sind Sie guter Hoffnung?

Das E.T.A.-Hoffmann-Theater ist ein Regiebetrieb der Stadt Bamberg. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass uns die Stadt einfach so aufgibt und allein lässt.

Haben Sie entsprechende Signale bereits empfangen?

Nein. Wir sind zwar in Gesprächen, aber noch kann niemand etwas Konkretes sagen, was ich durchaus verstehe.

Fürchten Sie, dass angesichts einer aufziehenden Wirtschaftskrise die Finanzierung Ihres Theaters als dekadenter Luxus betrachtet werden könnte?

Ja, die Befürchtungen gibt es. Kultur ist grundsätzlich eine freiwillige Ausgabe und damit auch die erste, an der gespart werden kann.

Aber?

Ich habe das Gefühl, dass die Bamberger sehr hinter ihrem Theater stehen und es lieben.

Ist Theater "systemrelevant"?

Ich will unsere Arbeit nicht mit der von Ärzten und Pflegern vergleichen. Das wäre vermessen. Aber auch der Geist und die Seele machen den Menschen aus, nicht nur der Körper. Das Theater wird auch ein Ort sein, an dem sich die Gesellschaft später mit dem auseinandersetzen wird, was das Coronavirus mit ihr gemacht hat. Ich freue mich schon sehr darauf, diese Auseinandersetzung auch auf unserer Bühne zu führen.

Das Gespräch führte Christoph Hägele.