A m Mittwoch hat die Passionszeit begonnen. Der Reformator Dr. Martin Luther hat die Zeit vor Ostern so genannt. Er wollte sie nicht mehr Fastenzeit nennen. Das erinnerte ihn zu sehr an seine vergeblichen Bemühungen, durch Fasten und andere Werke dem strafenden Gott zu entkommen. Luther hatte den liebenden, den gnädigen Gott entdeckt. Diesem Gott wollte er vertrauen.
Deshalb ging es für Luther vor allem darum, auf Christus zu schauen. Luther gab diesen sieben Wochen daher den Namen Passionszeit, Leidenszeit von Jesus Christus. Er beschreibt sie als "die Zeit, in der man von dem Leiden unseres Herrn Jesus Christus in der Kirche zu singen und zu predigen pflegt". Passionsandachten, oft am Freitag, dem Todestag Jesu, haben in den evangelischen Gemeinden eine lange Tradition.
Die Diskussion um die Bedeutung des Kreuzestodes Jesu wird in der evangelischen Kirche seit längerem wieder intensiv und kontrovers geführt. Wer ist schuld am Tod Jesu? Warum musste Jesu sterben? Wollte es Gott so? Steht Gott auf Blut? Hat er kein liebendes Vaterherz? Tragen auch wir Schuld am Tod Jesu, wenn wir bekennen, dass er für unsere Sünden starb?
Es weckt zwiespältige Gefühle, dass im Zentrum des christlichen Glaubens das Kreuz steht, ein Folterinstrument. Es ist belastend, wie allgegenwärtig die Erinnerung an Leid, an eine grausame Hinrichtung und den gewaltsamen Tod Jesu in der christlichen Kirche sind.
Liest man Gesangbuchlieder, die zur Passionszeit gehören, erschrickt man über die Brutalität, mit der das Leiden und der Tod Jesu darin zum Ausdruck gebracht werden.
Nach allen vier Evangelien des Neuen Testaments und den Aussagen des Paulus ist es unstrittig, dass Jesus seinen Tod letztlich freiwillig auf sich nahm. Er verbot es seinen Jüngern sogar, gegen die Soldaten, die ihn im Garten Gethsemane gefangen nahmen, Widerstand zu leisten und ihn mit Waffengewalt zu verteidigen.
Was Jesu Tod am Kreuz für uns bedeutet, möchte ich in sieben Sätzen sagen:
1. Jesus hat den Leidensweg auf sich genommen. Sein Beispiel hilft uns, in schwierigen Situationen und tiefen Lebenskrisen zu bestehen.
2. Das Kreuz hält uns einen Spiegel vor, wie weit Menschen sich von Gott entfernen können, wenn sie anderen Geschöpfen seelische und körperliche Gewalt zufügen.
3. Gott hat am Kreuz tiefes und schweres Leid am eigenen Leib erfahren. Das Kreuz ist Gottes Verbindungszeichen mit allen leidenden Menschen.
4. Gott trägt den Schmerz, den ihm Menschen zufügen, allein. Er gibt ihn nicht zurück. Er überwindet seinen Schmerz über unsere Trennung von ihm - das ist mit Sünde gemeint - in sich selbst.
5. Noch am Kreuz bittet Jesus für seine Feinde. Er zeigt uns dadurch, was Vergebung ist und was sie bewirkt.
6. Durch Jesu wissen wir, dass auch wir in Gottes liebevolle Gegenwart hineinsterben. Alles, was wir sind und was zu unserem Leben gehört, bleibt über den Tod hinaus in Gott
geborgen.
7. Im Abendmahl deutet Jesus seinen Tod als neue Verbindung mit Gott. Die Lebenshingabe Jesu am Kreuz öffnet den Menschen, die mit Jesus in Verbindung sind, die Tür zu Gott.
Warum musste Jesus sterben? Gott wollte es so!
Ich möchte besonders in diesen Wochen der Passionszeit dafür schlicht und einfach, mit einem dankbaren und vertrauensvollen Herzen, sagen und singen: "Wir danken dir, Herr Jesu Christ, dass du für uns gestorben bist und hast uns durch dein teures Blut gemacht vor Gott gerecht und gut." (Evangelisches Gesangbuch, 79, 1)

(Volkmar Gregori ist der Pfarrer der evangelisch -lutherischen Kirchengemeinde Gleisenau und Dekan a. D.)