von unserem Mitarbeiter Peter Schmieder

Haßfurt — Viele Haßfurter dürfte es überraschen, dass sich im englischsprachigen Raum Wissenschaftler mit ihrer Heimatstadt beschäftigen. 1996 schrieb der deutschstämmige Amerikaner Norbert Dannhäuser sein Buch "Two Towns in Germany". Dannhäuser ist Professor für Anthropologie an der Texas A&M University und Enkel eines früheren Haßfurter Bürgermeisters. Eine der beiden Städte, deren Entwicklung er in dem Buch behandelt, ist Haßfurt. Auch im Haßfurter Bibliotheks- und Informationszentrum (Biz) liegt das Buch vor, wird aber kaum gelesen. "Das liegt wohl auch daran, dass es auf Englisch geschrieben ist. Und nicht gerade in einem leichten Englisch", meint Willi Gröhling.


In englischer Fachsprache

So machte sich der Mathematiker Gröhling selbst daran, sich durch die Fachsprache zu kämpfen und Dannhäusers Buch ins Deutsche zu übersetzen. Zur Veröffentlichung in Buchform ist seine Übersetzung nicht gedacht. Für den Historischen Verein Landkreis Haßberge las Gröhling aber in der Haßfurter Stadthalle ein Kapitel aus der Übersetzung vor.
Das Kapitel 7 lautet "Wandel in Haßfurt: Das neue Einkaufszentrum". Gemeint ist das Admira-Center. Dannhäuser berichtet davon, wie nach der Schließung der Papier- und Stoffverwertungsfirma Mölter 1985 über eine neue Nutzung des Geländes diskutiert wurde.


Zuerst waren alle dagegen ...

Zunächst hätten sich mehrere Seiten gegen die Errichtung eines Einkaufszentrums ausgesprochen, darunter der Stadtrat, die Industrie- und Handelskammer sowie die Geschäftsleute aus der Innenstadt. Sie alle äußerten Befürchtungen, dies könne zum Aussterben der Innenstadt führen. In den folgenden Jahren wurden mehrere Projekte abgelehnt. Dann jedoch habe sich bei einer der Parteien die Stimmung geändert, so Gröhling: "Wie in der Presse berichtet wird, beschuldigte ein Kaufmann die Stadtverwaltung, mit gespaltener Zunge zu sprechen: Einerseits unternehme die Verwaltung - unterstützt von Spenden der Landbesitzer - lobenswerte Anstrengungen, um die Altstadt aufzuwerten, doch auf der anderen Seite plant sie, den Einzelhändlern der Stadt ein solches Monstrum vor die Nase zu setzen", heißt es in Dannhäusers Buch.
Den Grund für den Sinneswandel des Stadtrats unter Bürgermeister Rudolf Handwerker sieht Dannhäuser in der Neueinstufung der Kreisstadt als "mögliches Mittelzentrum". So hätte die Politik Haßfurt als Mittelzentrum etablieren wollen, um im Gegensatz zu einem Kleinzentrum mehr Rechte und größere Unterstützung durch die Regierung zu genießen. Dafür habe die Stadt verhindern müssen, Kunden an andere Städte zu verlieren, was nur durch größere Einkaufsmöglichkeiten funktionierte.


Widerstand der Geschäftsleute

Dannhäuser berichtet über die Versuche der Geschäftsleute aus der Innenstadt und insbesondere des Aktionskreises "Haßfurt Aktiv" (Aha), den Bau des Einkaufszentrums zu verhindern oder zumindest dessen Fläche zu begrenzen. So berichtet er über einen Leserbrief ("Muss die Innenstadt sterben?") des damaligen Aha-Vorsitzenden Bernhard Iff. Auch demonstrierten die Geschäftsinhaber aus der Hauptstraße 1990 öffentlich vor dem Rathaus gegen Stadtratsentscheidungen. Da war Rudolf Handwerker schon vom Rathaus ins Landratsamt gewechselt, doch auch sein Nachfolger Michael Siebenhaar trieb den Bau eines neuen Einkaufszentrums voran. Über die SPD-Stadträte urteilt der Anthropologe, sie hätten vor allem deshalb gegen die Interessen der Innenstadt gestimmt, weil die Geschäftsleute mehrheitlich CSU-Sympathisanten gewesen seien. "Das Problem war, dass die Macht zugunsten der Peripherie umgekippt war", schreibt er.
Schließlich wurde das "Admira" gebaut und 1992 eröffnet. "Es war nur noch die Frage wann, und nicht ob, die nächsten Firmen aus der Altstadt ziehen oder schließen würden", heißt es am Ende des Kapitels. "Die leer stehenden Geschäftsräume wurden von Discountern, Banken und Versicherungsagenturen belegt."


Die Entwicklung ging weiter

Lange diskutiert wurde nicht, Gröhling ließ es sich jedoch nicht nehmen, die weitere Entwicklung zumindest kurz zu kommentieren. "Jetzt ist ja das Admira-Center mitten in der Stadt, gebaut wird heute noch weiter draußen", meinte er. Und fügte später an: "Damals hat es den gleichen Aufstand gegeben wie vor zwei Jahren beim Gewerbegebiet."