Liegt die Kulturstadt Coburg in einem Dornröschenschlaf? Das Tageblatt stellte diese Frage Dr. Hubertus Habel, Kulturwissenschaftler und von 2005 bis 2020 Heimatpfleger der Stadt Coburg, und Dr. Klaus Weschenfelder, von 2002 bis 2018 Direktor der Kunstsammlungen der Veste Coburg.

Coburg führt in der bundesweiten Bekanntheit eine Art Schattendasein - ist das eine Fehleinschätzung?

Hubertus Habel: Nein, das ist keine Falschinterpretation. Das habe ich bereits gemerkt, als ich über städtische Symbole und Geschichtskultur promoviert habe. Ich habe dazu Befragungen gemacht, auch außerhalb Coburgs, ohne den Befragten zu sagen, warum ich das tue. Aber ein Teil dessen war, dass die Personen sich eine Vorstellung, eine so genannte "Mental Map" von Oberfranken machen sollten - da hat Coburg vielfach nicht stattgefunden. Kleinere Orte wie Ebermannstadt wurden genannt, Coburg nicht. Vielleicht hat das mit der geschichtlichen Zwitterrolle Coburgs zu tun - vergleichbar mit der Wahrnehmung der Stadt im frühen 20. Jahrhundert. Da gehörte Coburg noch nicht zu Bayern beziehungsweise Franken, wurde aber von Thüringen auch nicht so richtig wahrgenommen.

Klaus Weschenfelder: Wobei man Coburg schon fair behandeln muss. Ein Vergleich mit Bamberg oder Nürnberg ist schon schwierig. Bamberg, immerhin noch fast doppelt so groß wie Coburg, wurde 1007 von Kaiser Heinrich II. als Bischofssitz gegründet und blieb Sitz des Fürstbistums bis zur Säkularisierung. Diese Geschichte prägt das Bild der Stadt, die wegen des prachtvollen Doms und ihrer vielen, auf sieben Hügeln verteilten Kirchen gerne mal das "Rom des Nordens" genannt wird. Viel Aufmerksamkeit bringt natürlich der Status der Altstadt als Weltkulturerbe, die Bamberger Philharmoniker sind ein Prestigeprojekt des Freistaates. All dies wirkt sich auf die Wahrnehmung als Kulturstadt aus. Vergleicht man Coburg mit anderen Residenzstädten wie Gotha, dann steht es in der Wahrnehmung nicht schlecht da. Wenn man Menschen bundesweit nach Gotha fragt, ist die Antwort auch vielfach: "Die Gothaer" - die Versicherung also.

Die kulturelle Bedeutung Coburgs ist ein Fakt und tief im Bewusstsein der Stadt und des Landkreises verankert. Ist es vielleicht so, dass Coburg es reicht, von seiner eigenen Bedeutung zu wissen?

Klaus Weschenfelder: Nein. Seit ich in Coburg bin, ist ein Thema der Touristiker immer: Wie können wir unsere historischen Eigenheiten nach vorne bringen? Vor 15 Jahren gab es zum Beispiel das Bestreben, die Region als die Region der vier Schlösser zu bewerben. Städtetouristen wollen oft mehr als ein Ziel haben, das sie an einem Tag ansteuern können, das war der Gedanke dahinter. Aber Touristik und Kommunalpolitik haben hier vielleicht nicht immer optimal zusammengearbeitet. Coburg weiß, dass hier Potenzial ist, aber das öffentlich breit nach vorne zu bringen, ist ein steiniger Weg, der langen Atem fordert und Geld kostet. Und vielleicht braucht es auch mehr Engagement von Gastronomie und Hotellerie.

Hubertus Habel: Ja, da gibt es eine Lücke, das habe ich auch in der Vergangenheit bereits gemerkt. Zum Beispiel zeigt sich das an den Öffnungszeiten der Touristen-Information. Aber das ist auch eine Daueraufgabe. In meiner Zeit in Bamberg mussten wir auch als Museum immer hinterher sein, dass in Hotels oder der Touristen-Info unsere Flyer liegen. Als Kultureinrichtung muss man offensiv Infos streuen. Das ist übergreifend gesagt eine Aufgabe des Marketings. Man muss da auch nicht nur auf seine spannende Architektur hinweisen, oder seine Schlösser. Man muss auch eintauchen in die Schätze, die die Stadt hat und nach außen tragen will. Und diese Schätze eben auch bewerben. Ein gutes Beispiel ist der "Hedwigsbecher". Kaum jemand kennt seinen Stellenwert.

Klaus Weschenfelder: Genau. Das ist auch einer der Faktoren, die, nicht unbedingt jeder für sich, aber in ihrer Konstellation sehr besonders, teils einzigartig sind. Unikate in großer Fülle findet man in den Museumssammlungen, wie eben den "Hedwigsbecher" aus dem 10. Jahrhundert, der eine fast lückenlose Provenienz von der heiligen Elisabeth von Thüringen über Kurfürst Friedrich den Weisen und Martin Luther bis in die Gegenwart vorweisen kann. Das fantastische Epitaph in Sankt Moriz ist ein herausragendes Werk seiner Gattung, und das Sambafest als größtes Event dieser Art außerhalb Brasiliens hat auch ein Alleinstellungsmerkmal. Es ist aber nie das Einzelne, sondern immer das Zusammenspiel.

Welche Reaktion würden Sie sich wünschen, wenn der Name Coburg fällt?

Hubertus Habel: Dass eben so etwas wie die Einzigartigkeiten, die Coburg hat, sofort aufploppen. Dass Menschen, wenn sie über bestimmte Themen sprechen, automatisch den Namen "Coburg" nennen.

Klaus Weschenfelder: Dass man bei dem Namen Coburg sagt: "Davon habe ich schon gehört. Da muss ich unbedingt hin, das ist ein Ort, den man gesehen haben muss."

Das Gespräch führte Fajsz Deáky.