Die überraschende Grenzöffnung in den Novembertagen 1989 brachte begeisterte Menschenmassen von "hüben nach drüben" und umgekehrt auf den Weg. Bisherige Sehnsuchtsorte wie die Veste Coburg auf westlicher und die Veste Heldburg auf östlicher Seite waren urplötzlich erreichbar. Die Freude war überwältigend.

Doch wie sah es auf der Veste Heldburg aus? Ein Großbrand hatte am 7. April 1982 den kulturhistorisch schönsten und wertvollsten Teil der Burg, den Französischen Bau, in Schutt und Asche gelegt. Das Kinderheim war damit nicht mehr existent. Von einem Renaissancekunstwerk ersten Ranges ragte nur noch eine Ruine aus dem Ensemble heraus. Der Hof war aus Sicherheitsgründen abgesperrt. Besucherverkehr schien unter diesen Voraussetzungen unmöglich. Nachdem in der Brandnacht 1982 alle 59 Kinder unbeschadet in Sicherheit gebracht worden waren und in der Folge auch die dort wohnenden Lehrkräfte und Erzieher den Schreckensort verlassen hatten, fanden zahlreiche Beratungen mit dem Thema statt, wie man die Veste wieder aufbauen und nutzen könnte.

In der der damaligen prekären wirtschaftlichen Situation im Land wurde der Status der Veste auf der Rangliste wichtiger Bauten von einer sinnvollen künftigen Nutzung abhängig gemacht. Diese konnte nicht gefunden werden. Zwischenzeitlich stellten zentrale Denkmalbehörden die Aufbaufähigkeit und -würdigkeit angesichts des zunehmenden Verfalls infrage. Das hätte zugleich bedeutet, dass der besonders schwer geschädigte Südflügel des Französischen Baus im Interesse der Vermeidung von Unfällen hätte eingelegt werden müssen.

Dem stellte sich der ehrgeizige junge Architekt Frank Schneider, seinerzeit beim VEB Denkmalpflege Meiningen beschäftigt, vehement entgegen. Er hatte sich das Ziel gesetzt, die Aufbaufähigkeit zu beweisen. Sein Betrieb beorderte ihn 1987 auf die Veste, um dort Aufmaße und Planungsdokumente zu erstellen. Gleichzeitig sollte eine Staatsratseingabe bewirken, dass die Aufgabe der Veste nicht zugelassen wird.

Der in Heldburg geborene, mehrfach mit höchsten Auszeichnungen versehene Schauspieler Julius Klee erreichte mit seiner Petition an das Ministerium eine neue Beurteilung der Situation auf der Grundlage von Schneiders Dokumentation. Der Wiederaufbau wurde erneut auf die Tagesordnung gesetzt und zunächst eine schützende Überdachung geplant. Die Stahlkonstruktion für das Dach wurde für das Jahr 1989 beim VEB Stahlbau Leipzig in den Plan aufgenommen. Doch dann überholten die politischen Ereignisse das Vorhaben.

Schon lange vor der Grenzöffnung hatte die Stadt Seßlach der Stadt Heldburg eine Städtepartnerschaft vorgeschlagen, über die jedoch nur deren übergeordnete Organe zu entscheiden hatten. Jetzt war die Gelegenheit gegeben. Bürgermeister Norbert Pförtner, der sich bislang schon unermüdlich um die Frage des Wiederaufbaus bemüht hatte, schickte seinen Ratssekretär (Inge Grohmann) kurzerhand zum Bürgermeister der Stadt Seßlach, um den Partnerschaftswillen zu bekunden mit dem erklärten Ziel, gemeinsame Anstrengungen für den Wiederaufbau der Veste Heldburg zu unternehmen. (Dem Bürgermeister als politischem Amtsträger war zu diesem Zeitpunkt eine Reise in die BRD noch nicht erlaubt). Bürgermeister Dressel in Seßlach war dem Anliegen gegenüber äußerst aufgeschlossen. Er vertrat die Meinung, man müsse einen Verein gründen. Unmittelbar danach erfolgte eine Einladung an die Abgeordneten der Stadt Heldburg, und es kam zu einem ersten großen Treffen im Saal des alten Amtshauses in Seßlach, an dem auch viele weitere Bürger teilnahmen. In die Liste der Mitglieder für einen zu gründenden Verein trugen sich bereits zahlreiche Anwesende ein, allen voran die beiden Bürgermeister der künftigen Partnerstädte. Im Januar gab es ein Treffen mit den Seßlachern in Heldburg.

Parallel zu diesen Ereignissen besuchte der Rodacher Stadtrat Rudolf Weiß die Veste und kam mit der Familie des dort wohnenden Hausmeisters Horst Meinunger ins Gespräch. Rudolf Weiß und Hendrik Dressel brachten das Anliegen zur Hilfe für die Veste Heldburg im Coburger Kreistag zur Diskussion. Im Februar 1990 wurde in Seßlach der Förderverein Veste Heldburg gegründet. Der Vereinszweck war die Förderung des Wiederaufbaus des brandgeschädigten Renaissancebaus sowie die touristische und kulturelle Nutzung der Veste. Erster geschäftsführender Vorsitzender wurde der Bürgermeister der Stadt Seßlach. Die Unterstützung der Stadt Seßlach in allen organisatorischen Vereinsfragen war unerlässlich. Zweiter Geschäftsführer wurde der Bürgermeister der Stadt Heldburg. Zum Vorsitzenden des gemeinnützigen Vereins wurde das damalige Mitglied des Europäischen Parlaments, Otto von Habsburg, gewählt. Otto von Habsburg war ebenfalls schon mit seiner Frau Regina von Sachsen Meiningen - die Veste war bis 1945 ihr Elternhaus - auf der Veste gewesen und hatte deren trostlosen Zustand kennengelernt.

Aber auch viele andere Besucher kamen auf die Veste. Der Ansturm war so überwältigend, dass die gusseiserne Wendelstiege im Aussichtsturm aus dem 19. Jahrhundert zusätzlich gesichert werden musste. Die Coburger Brauerei Scheidmantel richtete im Kommandantenbau ein "Burgstübel" ein, das von Birgit Meinunger bewirtet wurde.

Geld kam herein

Die Erschütterung über den ruinösen Zustand des Französischen Baus führte zu einer spontanen Spendenbereitschaft der Besucher, so dass sich nach wenigen Monaten die Spendenkasse mit mehr als 4000 DM gefüllt hatte. In den ersten drei Jahren wurden, nachdem 1 DM Eintritt kassiert wurde, jährlich 33 000 Besucher gezählt.

Es kam überraschend

Neben den Initiativen "von unten" kam auch Bewegung "von oben". Im Herbst 1989 war der Chefkonservator des Thüringer Landesamtes für Denkmalpflege Erfurt, Professor Zießler, zu Gast bei seinem Amtskollegen Professor Petzet in München, um eine gemeinsame Jugendstil-Ausstellung vorzubereiten. Auch sie wurden von der Grenzöffnung und der vorauszusehenden Wiedervereinigung überrascht. Sie waren die ersten, die ein gemeinsames Projekt der deutschen Wiedervereinigung auf dem Gebiet der Denkmalpflege auf den Weg brachten. Professor Zießler schlug den Wiederaufbau der Veste Heldburg vor.

Dank der unbürokratischen Hilfe der Messerschmitt-Stiftung kam die Maßnahme kurzerhand in Gang, ehe nach der Währungsumstellung die alte Versicherungssumme von einst mehr als vier Millionen DDR-Mark in Anspruch genommen werden konnte. Professor Zießler begleitete diesen Modellfall thüringisch-bayerischer Zusammenarbeit über viele Jahre bis zu seinem Ruhestand als Herzensangelegenheit. Der 4. Juli 1990 gilt als der Beginn des Wiederaufbaus.

Fortan überschlugen sich förmlich die Ereignisse auf der Veste Heldburg. Die gefährliche Beräumung der Ruine und das Aufbringen eines Daches in nur einem halben Jahr muss als eine Meisterleistung ohnegleichen bewertet werden. Am 6. Dezember 1990 wurde Richtfest gefeiert. Inge Grohmann war in die Geschehnisse um den Wiederaufbau der Veste Heldburg und den Förderverein von Beginn an involviert und dann als Schlossverwalterin tätig.